Kaufbeuren
«Jetzt haben wir den Krieg»

Wenn Lieselotte Pidun erzählt, wirkt sie weder wirr noch vergesslich. Die nun 90-jährige geborene Danzigerin erinnert sich an Gefühle, Jahreszahlen und auch an Geschehnisse, als wäre es gestern gewesen. In diesen Tagen denkt die Kaufbeurerin besonders oft an den September vor 70 Jahren, als Deutschland den Zweiten Weltkrieg mit einer Attacke auf die Westerplatte bei Danzig begann. Auch die «Schleswig Holstein», das Schiff, das den Angriff führte, hat sie noch vor ihrem geistigen Auge.

«Wir waren damals noch jung, gerade mal 20», sagt Pidun. Deswegen sei es immer eine Attraktion gewesen, wenn ein großes Schiff vor Anker lag. «Es war aber merkwürdig, dass wir es nicht besichtigen durften, wie sonst üblich.» Das lag daran, dass das Schiff sich bereits für den Angriff rüstete, was die Bewohner der Stadt natürlich nicht wussten. Ebenso ist Lieselotte Pidun damals aufgefallen, dass in den Tagen vor dem Angriff übermäßig viele junge Deutsche in der Stadt unterwegs waren. «Besonders beim Fortgehen und beim Tanzen haben wir das gemerkt», erzählt sie mit einem verschmitzten Lächeln. «Ab dem 1. September hatten dann alle diese Menschen Uniformen an und entpuppten sich als Soldaten - da wussten wir, dass die ganze Aktion von vornherein gut geplant gewesen war.»

Um 4.45 Uhr hat die Bombardierung angefangen, erinnert sich Liselotte Pidun. Ihr Vater sprang hoch und rief: «Jetzt haben wir den Krieg». «Er war schon traurig», meint die Seniorin, denn er hatte die Schrecken des Ersten Weltkrieges selbst erlebt und wusste, was ein solcher Krieg anrichten kann.

Auf die Straße gelaufen

«Ich dagegen fand das alles eher interessant. Ich hatte ja keine Ahnung, was für einen Verlauf das alles nehmen würde.» Sie lief sofort auf die Straße, wo alle Leute standen und zusahen, wie die Bomben auf die Westerplatte fielen. Dann wurde aus der Luft angegriffen. Besonders der Lärm der Sirenen, die an den Flugzeugen angebracht waren, sei Angst einflößend gewesen.

Im selben Jahr lernte sie noch ihren Mann kennen, mit dem die Rentnerin zwei Söhne hat. Die Kriegsjahre selbst überstand sie weitestgehend unbeschadet. Erst 1945 floh sie nach Deutschland, aus Angst vor der russischen Armee. Auf einem mit 6000 Passagieren völlig überfüllten Schiff wagte die Familie die Überfahrt nach Deutschland. «Das war nur ein Tag, nachdem die Wilhelm Gustloff angegriffen und versenkt wurde - und natürlich hatten wir Angst. Aber die Verpflegung an Bord war erstaunlich gut.» 1957 zog sie dann nach Kaufbeuren, wo ihr Mann als Soldat im Fliegerhorst stationiert war.

Die alte Heimat besucht

Heute lebt Lieselotte Pidun bei ihrem Sohn Helmut. Vor 15 Jahren sind beide zusammen nach Danzig gereist, um noch einmal ihre alte Heimat zu sehen. «Wir haben uns alles angeschaut, die Westerplatte und auch das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Wenn man dort der eigenen Vergangenheit gegenübersteht, kommen einem die Tränen.»

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