Westallgäu / Maierhöfen
«Jeder sucht die Schuld beim anderen»

2Bilder

Im vergangenen Jahr sind Milchbauern ein zweites Mal in Streik getreten. Als sie im Jahr 2008 dem Aufruf zum ersten Lieferboykott folgten, glaubten sie, in Sachen Milchgeld ganz unten angekommen zu sein. 2009 hat die Landwirte gelehrt, dass es auch noch schlimmer geht. Der Berufsstand, der in vielen Informations- und Protestkampagnen deutlich gemacht hatte, dass er zum Überleben mindesten 40 Cent pro Liter Milch braucht, bekam nur noch rund 20 Cent überwiesen. Im Interview sagt Hans-Peter Frommknecht, Biolandwirt und Bauernverbands-Ortsobmann von Maierhöfen, er halte weitere Milchstreiks durchaus für denkbar.

Herr Frommknecht, haben Sie Ende 2008 daran gedacht, dass es noch einen Milchstreik geben könnte?

Hans-Peter Frommknecht: Ich habe gehofft, dass es keinen mehr gibt, befürchtet habe ich das aber schon. Bei Bauernversammlungen habe ich immer für das BDM-Konzept (Bund Deutscher Milchviehhalter, Anm. d. Red.) geworben, in der Hoffnung, mit einer starken Einigkeit unter den Milchbauern das Milchvernichten zu verhindern.

War es denn nicht von vorneherein klar, dass so etwas wie ein Milchstreik nur einmal funktioniert?

Frommknecht: Ja, es war immer die Einschätzung, wenn wir diesen Trumpf ausspielen, dann muss er sitzen.

Hatten Sie denn mit einem weiteren Absturz des Milchpreises gerechnet?

Frommkecht: Als Landwirte sind wir auch Unternehmer und müssen damit rechnen, dass die Märkte aus den Fugen geraten. Die Marktgesetzte sind ungnädig. Dass es zu einem solch brutalen Absturz kommt, damit haben selbst sogenannte Experten nicht gerechnet.

Waren Sie dieses Mal auch dabei?

Frommknecht: Nein, beim zweiten Milchstreik nicht.

Warum?

Frommknecht: Wir haben das in unser Familie besprochen und uns entschlossen, nicht teilzunehmen. Wir hatten Zweifel am Erfolg. Das andere ist, dass auch meine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht. Ich habe mich für das BDM-Konzept eingesetzt um Streiks zu verhindern.

Wir dürfen dieses Instrument auch nicht überstrapazieren, sonst ist das unseren Mitbürgern nicht mehr vermittelbar. Trotzdem gilt allen, die sich an der Maßnahme beteiligt haben, mein Respekt. Es ist ein schwerer Schritt, Milch wegzuschütten.

Woran liegt es, dass sich am zweiten Lieferboykott viel weniger Bauern beteiligt haben als am ersten?

Frommknecht: Es ist Misstrauen entstanden. Während wir beim ersten Mal nicht geliefert haben, wurden uns von anderen Marktanteile weggeschnappt - vor allem in Italien. Viele haben gemeint, jetzt sind die Franzosen und Norddeutschen dran. Die sind uns beim ersten Milchstreik in den Rücken gefallen.

Sie sind BBV-Ortsbauernobmann und stehen gleichzeitig dem BDM nahe - immerhin haben Sie am Anfang das BDM-Konzept mit verbreitet. Sitzen Sie da nicht zwischen den Stühlen?

Frommknecht: Nein, ich sehe das nicht so. Mir ist Solidarität sehr wichtig, und das sollte oberstes Ziel für jeden BBV-Obmann und jeden BDM-Vertreter sein. Was das angeht, geben wir aber ein ganz schlechtes Bild ab. Daran sollten wir arbeiten, das muss besser werden.

Offen möchte das niemand sagen, aber jeder weiß, dass es auch im Westallgäu Spaltungen zwischen BBV- und BDM-Leuten gibt. Wie verhärtet sind die Fronten in unseren Dörfern?

Frommknecht: Nach wie vor wird vor allem in unserem Landkreis die Verständigung gesucht. Aber trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu sehr auseinanderdriften. Es gibt noch andere Bereiche, die Einigkeit verlangen. Wichtig wäre etwa die Basis zu schaffen für eine gentechnikfreie Anbauregion, diese Chance dürfen wir nicht verpassen.

Aber es wird doch die Einigkeit unter den Bauern beschworen, seit der BDM in allen Dörfern Fuß gefasst hat. Trotzdem scheinen die Positionen unvereinbar.

Frommknecht: Ja, das ist leider so. Die Fronten sind total verhärtet. Der Bauernverband meint, die Nachfrage muss angekurbelt werden, der BDM hält das für Blödsinn und sieht das Ganze als Mengenproblem, das reguliert werden muss. Man kann das wirklich von beiden Seiten betrachten, beides sind Möglichkeiten.

Aber leider ist es so, dass die Schuld beim anderen gesucht wird. Viel Kraft wird aufgewendet, um Schwächen beim anderen aufzudecken. Dem Bauernverband ist es nicht gelungen, die Einigkeit zu wahren und auf die Basis einzugehen. Es wurden bestimmt Fehler gemacht - aber es wurde auch Wichtiges erreicht, das darf man nicht vergessen. Der BDM dagegen versteht es, die Leute mitzunehmen und zu mobilisieren. Und trotzdem scheint das Konzept festzustecken.

Wie meinen Sie das?

Frommknecht: Der BDM hat nur eine Karte auszuspielen, und das ist die Mengenbeschränkung. Und obwohl die Forderungen des BDM vom Bayerischen Bauernverband unterstützt wurden, sind sie politisch auf europäischer Ebene nicht durchsetzbar.

Die Forderung des Verbandes, das Einkommen über einen vernünftigen Preis zu erzielen, anstatt von Förderungen und Prämien abhängig zu sein, kann man voll mittragen. Da muss aber die Politik mitmachen - und das ist nicht der Fall. Jetzt die Schuld beim Bauernverband zu suchen und unverhohlen zur Kündigung aufzufordern, fördert ein gutes Miteinander nicht. Wir sollten zusammen stehen, sonst wird es schwer, überhaupt irgendetwas zu erreichen.

Die Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahren Extremes erlebt: ruinöse Milchpreise, zwei Berufsverbände und den Milchstreik. Glauben Sie, den Bauernstand wird es in zehn Jahren noch so geben, wie wir es gewohnt sind?

Frommknecht: Wir sollten nicht verkennen, was da passiert ist. Durch rasante Preiserhöhungen bei der Milch wurde die Nachfrage schwächer und es wurde preisbewusster eingekauft, die Nahrungsmittelindustrie hat die Rezepturen geändert, unser deutscher Markt wurde für Anbieter von außen interessant, in der Folge wird mehr importiert. Dann setzt die EU noch eine Quotenerhöhung darauf - dadurch ist ein Überschuss entstanden, der vom Markt nicht mehr aufgenommen werden kann. Auch wenn es manche nicht hören wollen: Der rasante Preisanstieg von damals ist mit ein Grund für unser heutiges Problem. Der Bauernstand wird in zehn Jahren bestimmt anders aussehen als heute. Aber es hat immer schon einen Wandel gegeben und wir sollten Veränderungen auch als Chance sehen.

Kennen Sie Kollegen, die fürchten, nicht übers nächste Jahr zu kommen?

Frommknecht: Das kann ich so nicht beantworten. Aber es ist zu befürchten. Die finanziellen Sorgen sind sehr groß. Aber jeder von uns ist jetzt gefordert, sich über andere landwirtschaftliche Alternativen Gedanken zu machen.

Gauben Sie, dass es zu einem dritten Milchstreik kommen wird?

Frommknecht: Ich hoffe nicht - und ich befürchte schon.

Macht denn da noch jemand mit?

Frommknecht: Ja - wer weiß, vielleicht mehr als beim letzten Mal. Das hängt von der Situation ab.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by Gogol Publishing 2002-2019