Irgendwann ist man am Ende mit der Erziehung

von Veronika Krull | Oberallgäu Schlägereien, eingeworfene Fensterscheiben, zerkratzte Kotflügel - auch im Oberallgäu langen Jugendliche gerne mal hin. Offensichtlich mit steigender Tendenz. Denn die Anzahl der Verfahren gegen junge Leute im Alter zwischen 14 und 21 Jahren hat mit 861 Fällen im Jahr 2007 einen Höchststand erreicht. Doch Claudius Schraudolph vom Kreisjugendamt möchte die 'Schreckensmeldung' relativieren: Zum einen machten sich in dieser Altersgruppe die geburtenstarken Jahrgänge bemerkbar, zum anderen habe sich auch das Anzeigeverhalten geändert: 'Man ruft sehr viel schneller die Polizei.'

Während die Zahl der Körperverletzungen nahezu unverändert blieb, haben Sachbeschädigungen als 'typische Jugenddelikte' im Landkreis 'massiv' zugenommen, berichtet Christian Owsinski, Sprecher der Polizeidirektion Kempten. 'Oft ganz sinnlose Beschädigungen', sagt Schraudolph und nennt wie Owsinski als häufige Ursache übermäßigen Alkoholgenuss.

Gründe genug, um härtere Strafen einzuführen? Schraudolph, seit 13 Jahren Jugendgerichtshelfer, wehrt sich dagegen: 'Alle Kriminologen sagen, dass härtere Strafen nichts am Verhalten der Leute ändern.' 'Die Sanktionsmöglichkeiten reichen aus', meint auch Maria Schindele, Jugendsozialarbeiterin an der Hauptschule in Sonthofen. Sie hält es aber für sehr wichtig, dass eine mögliche Bestrafung 'zeitnah', also etwa innerhalb von vier Wochen, erfolgen muss. Birgit Meßmang aus Kempten von der Opferschutzorganisation 'Weißer Ring' spricht sich dagegen für eine Verschärfung des Jugendstrafrechts aus. So sollten Heranwachsende (18 bis 21) bei Gewalt gegen Menschen grundsätzlich nach dem Erwachsenenstrafrecht belangt werden.

Auch Brigitte Gramatte-Dresse, Jugendrichterin am Amtsgericht Sonthofen, ist dafür, die Zügel zu straffen. So plädiert sie für eine Herabsetzung der Strafmündigkeit auf 12 Jahre. Und sie spricht sich für einen höheren Strafrahmen bei den Heranwachsenden aus, der bislang bei zehn Jahren endet: 'Meinetwegen ruhig 20 Jahre' für gefährliche Intensivtäter, fordert die Juristin, die durchaus den Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht hochhält. 'Aber irgendwann ist man am Ende mit Erziehung.' Sie ist davon überzeugt, dass ein höheres Strafmaß eine abschreckende Wirkung hat

Sozialstunden nützlich

Abschreckend könnte nach Meinung von Ingrid Schneider, stellvertretende Leiterin des Kreisjugendamtes, auch die Verhängung eines 'Warnschussarrestes' wirken, wie er von zahlreichen Unionspolitikern als Ergänzung einer Bewährungsstrafe gefordert wird. 'In der Regel sind die Jugendlichen davon beeindruckt.' Noch besser als ein Arrest, der im Übrigen grundsätzlich im Jugendstrafrecht vorgesehen ist, ist nach Meinung Birgit Meßmangs vom 'Weißen Ring' die Ableistung von Sozialstunden in einer Familie oder Institution, wo die Bestraften auch Leid erleben können. Erziehungscamps nach amerikanischem Vorbild finden bei keinem der Befragten einen Fürsprecher.

Jugendgerichtshelfer Schraudolph ist sich sicher, dass im Jugendstrafrecht genügend Erziehungsmaßnahmen vorhanden sind: von der stationären Maßnahme in einem Heim über den verpflichtenden Besuch von sozialen Trainingskursen, Führerscheinentzug und Fahrverbot bis hin zu Täter-Opfer-Gesprächen, die 'sehr gewinnbringend' seien.

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