Lesung
Ingrid Söhnge zieht Publikum in Memminger Kulturwerkstatt in ihren Bann

So groß war der Andrang bei der Lesung von Schauspielerin Ingrid Söhnge in der Kulturwerkstatt Memmingen aus 'Doktor Erich Kästners Lyrischer Hausapotheke', dass kurzfristig sogar ein Umzug aus dem Literaturcafé auf die große Bühne überlegt wurde (man blieb dann aber doch im kleineren Raum). Bester Beweis war das dafür, dass es nicht viel braucht, um das Publikum anzuziehen: einen Stuhl, einen Bistrotisch mit Leselampe und – das Wichtigste – die passende Schauspielerin mit dem passenden Programm. Gelungen ist so ein luftiger, aber konzentrierter und hochinteressanter Abend.

Unkompliziert und offen wird man in der Kulturwerkstatt am Schweizerberg empfangen. Die Vorsitzende des Betreibervereins, Barbara von Rom, die in den Abend einleitet, hat keine Berührungsängste, die Musikeinspielungen selbst zu fahren. Und auch das Publikum muss sich einbringen: Ein beherzter Zuseher knipst – auf ihr Bitten hin – die Scheinwerfer an, da es bei dieser Zuschauermenge schlichtweg kein Durchkommen für die Beteiligten mehr gibt.

Die Gebrauchslyrik von Kästner ist für das Publikum ein gefundenes Fressen. Suchen doch heute viele nach der passenden Medizin für ihre Fragen und Sorgen. Kästner (1899 bis 1974) gibt Antworten, jedoch nicht ohne zu provozieren.

Aber dieses Provozieren macht er so sympathisch, manchmal ironisch, manchmal zynisch oder sarkastisch, dass es uns nicht verärgert, sondern dass wir plötzlich über uns selbst schmunzeln oder sogar herzhaft lachen können. Das ist der beste Weg zur Linderung und so liest sich auch dieses 1936 in der Schweiz erschienene Repetitorium.

So, wie man in einem homöopathischen Heilmittel-Buch die richtigen Kügelchen bestimmt, so kann man auch hier nachschlagen und durch Lesen Besserung erfahren, wenn etwas schmerzt.

Symptome der Zuhörer werden mit Lachen kuriert

Die Symptome, die den einzelnen Hörer beschäftigen, sind manchmal vielleicht noch im Unbewussten verborgen und werden erst durch ein leichtes Unbehagen, eine kleine innere Reaktion auf die Verse, durch ein Lachen nach außen gekehrt.

Die sanfte, aber bestimmte Lesart Ingrid Söhnges, die an eine zarte Ausgabe von Hannelore Hoger erinnert, erweist sich bei diesem Prozess als ideale Grundlage. Ihre zügige Lesart lässt die vordergründig leichten Kreuzreime Kästners fast harmlos erscheinen – damit sie in einem zweiten Schritt im Zuhörer ihre durchschlagende Potenz voll entfalten können.

Gerade in diesen kalten Zeiten kann einem ein solcher Abend Trost und schelmische Freude bereiten. Die Zuhörer hängen gebannt an Ingrid Söhnges Lippen, trotz der Enge im Raum herrscht eine Stille, dass man eine Nadel hätte fallen hören können – bis die Kulmination, der alles erlösende Lachreiz, die nächste Partie eröffnet.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ