Marktoberdorf
In Geborgenheit gehen können

In den eigenen vier Wänden zu sterben, umgeben von der Familie, das war früher die Regel. Dann kam eine Medizin, die immer mehr möglich machte und die manchmal selbst dann nicht aufgab, als sie schon längst verloren hatte. Der Tod verschwindet aus dem Alltag. Verdrängt aus den Gedanken von einer Amüsierkultur, abgedrängt in die Intensivstation von einer Hochleistungsmedizin. Der Tod, er scheint weit weg zu sein.

Inzwischen schwingt das Pendel wieder zurück. Viele todkranke Menschen wünschen sich ein selbstbestimmtes und schmerzfreies Sterben, zu Hause und umgeben von ihnen lieben Menschen.

Die Mutter von Marie-Luise Teuchert hatte nur noch wenige Wochen zu leben. Die Diagnose war eindeutig und die Frau nahm ihr Sterben an. Die Zeit, die ihr noch blieb, wünschte sie in vertrauter Umgebung gemeinsam mit ihrer Tochter zu verbringen. Es war eine bewusste Entscheidung gegen das Krankenhaus als letzte Station auf Erden.

Für sie bedeutete dies kein Dahindämmern und dumpfes Warten auf das Ende, sondern erfüllte letzte Wochen. Freunde, Nachbarn und Bekannte lud sie zu Kaffee und Kuchen ein, um sich von ihnen zu verabschieden. Ohne Unterstützung hätte sie die Sterbebegleitung ihrer Mutter kaum geschafft, sagt Teuchert heute.

Diese Unterstützung kam von der ambulanten Palliativpflege der Sozialstation.

Seit eineinhalb Jahren gibt es dort außerdem den Hospiz- und Palliativberatungsdienst, der Sterbenden und Angehörigen seelisch beisteht. Die Profis helfen bei der Organisation der Pflege, geben Ratschläge und assistieren bei der Verabreichung von Medikamenten. Je nach Bedarf kommen sie wöchentlich oder täglich vorbei. Rund um die Uhr ist das Telefon besetzt, wo man selbst mitten in der Nacht Hilfestellungen erhält und jemand innerhalb einer Viertelstunde auch zu Hause vorbeikommt.

Neben medizinisch-pflegerischen Aufgaben hat die Palliativpflege auch eine stark seelische Komponente. Marie Luise Nieberle von der Sozialstation Kaufbeuren-Ostallgäu berichtet von Verzweiflung, Wut und Resignation derjenigen Patienten, die innerlich noch nicht so weit sind, gehen zu können. Nieberle hat einen Unterschied zwischen den Generationen festgestellt: Die 80-Jährigen akzeptierten den Tod am Ende ihres Lebens eher als Menschen, die 20 Jahre jünger sind. Außerdem, findet Nieberle, seien gläubige Menschen hoffnungsvoller, fänden Halt im Jenseits und täten sich leichter, ihr Leben an seinem Ende loszulassen.

Gräben überwinden

Auf dem Weg in den Tod helfen die Pfleger auch dabei, Gräben zu Verwandten und Bekannten zu überwinden. So mancher alte Zwist, der über Jahrzehnte währte, kann auf dem Sterbebett beigelegt werden. Angesichts dieser Situation sind die allermeisten Leute bereit, über ihren Schatten zu springen, so Nieberle. Und sind dann froh darüber.

Auch um die betreuenden Angehörigen kümmern sich die Pfleger. Sie litten oft «große seelische Not» und hätten viele Fragen, so Nieberle. Fragen über den Umgang mit dem Sterben und dem Sterbenden, Fragen über das Loslassen und Fragen über den eigenen Schmerz. Zusätzliche Unterstützung geben dabei ehrenamtliche Hospizhelfer. Und nach dem Tod des Patienten werden die Angehörigen - so sie es wünschen - auch in ihrer Trauerarbeit begleitet. Denn die Trauer gehört zum Tod wie der Tod zum Leben.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen