Kempten
Immer mehr Menschen fühlen sich ausgebrannt

Es waren lange Leidensgeschichten, Hilferufe, Erzählungen über Verzweiflung und Ausweglosigkeit, die Dr. Johannes Vogler als Experte am Lesertelefon zum Thema Burnout-Syndrom zu hören bekam: Da war die Frau eines Landwirts, Mutter von zwei Kindern, die auf dem Hof mitarbeitet, den Haushalt macht und den kranken Schwiegervater seit Jahren pflegt. Seit Monaten fühlt sie sich matt und in der täglichen Arbeit überfordert, sie schläft kaum mehr. Oder die Mittvierzigerin aus Memmingen, die vor Kurzem den Job wechselte und sich nun der neuen Aufgabe nicht gewachsen fühlt. «Wenn ich an die Arbeit denke, bekomme ich Panikattacken.» Nach einem totalen Zusammenbruch wurde sie in eine Klinik eingewiesen. Seit Wochen ist sie krankgeschrieben und nimmt Medikamente. Oder die Frau aus dem Ostallgäu, die nach einer stationären Behandlung bald wieder entlassen werden soll und sagt: «Ich habe Angst, dass ich es nicht mehr schaffe.»

Stärker beansprucht

Als Chefarzt der Klinik Alpenblick (Isny-Neutrauchburg) kennt Dr. Vogler solche oder ähnliche Fälle genau. «Das Burnout-Syndrom kann eine ernsthafte Erkrankung sein. Und die Zahl der Fälle hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.» Zurückzuführen ist dies laut Vogler unter anderem auf eine starke Veränderung in der Art der Unternehmensführung. «Alles ist auf mehr Wirtschaftlichkeit hin getrimmt. Die Mitarbeiter werden stärker beansprucht, gleichzeitig sollen sie mehr Flexibilität zeigen bei geänderten Strukturen. Das überfordert Viele.» Besonders betroffen sind Berufsgruppen, in denen sich hohes Engagement paart mit Idealismus und belastenden Ereignissen: Etwa Pflege- und Sozialberufe, Ärzte, Polizisten, Soldaten oder Lehrer.

Am Lesertelefon beriet der Mediziner die Anrufer vor allem zu den Fragen: An welchen Symptomen erkenne ich ein Burnout-Syndrom und wie sieht die Behandlung der Erkrankung aus?

Wann spricht man von einem Burnout-Syndrom? «Burnout ist eigentlich keine wirkliche medizinische Diagnose, sondern beschreibt einen Zustand, der auf eine depressive Störung hinweisen kann», sagt Dr. Vogler. Anzeichen sind Konzentrationsstörungen, Schlaf- und Appetitlosigkeit, Erschöpfungsgefühl, Lustlosigkeit, permanente Müdigkeit oder Gefühle des Versagens. Wer derartige Symptome über zwei bis vier Wochen an sich beobachtet, sollte einen Arzt aufsuchen. «Je früher man dagegen etwas tun kann, umso größer sind die Erfolgsaussichten.»

Wie lässt sich ein Burnout-Syndrom behandeln? In einem ersten Schritt kann es laut Vogler bereits helfen, mit Freunden oder in einer Selbsthilfegruppe die Situation zu analysieren. Wo liegt das Problemfeld, wie kam es zur Überforderung? Reicht dies nicht aus, sollten Betroffene einen Psychotherapeuten zu Rate ziehen. Er ermöglicht einen Perspektivenwechsel und hilft bei der Verhaltens- und Problemanalyse. Manchmal wird die Behandlung durch Medikamente unterstützt. Erst der letzte Schritt kann eine vier- bis achtwöchige stationäre Behandlung in einer psychosomatischen Klinik sein (siehe Info).

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