Scheidegg
«Im Westallgäu war ich Kind»

65 Jahre ist es her, dass Ursula Valerius nach Scheidegg kam. Damals, im Spätherbst 1944, war die heute 74-Jährige neun Jahre alt. Es herrschte Krieg. Ihre Heimatstadt Duisburg musste evakuiert werden. Gemeinsam mit Mutter, Bruder und Schwester wollte Ursula Valerius Schutz im Westallgäu finden. Nach Ende des Kriegs ging es im Spätsommer 1945 zurück ins Rheinland. Jetzt - mehr als sechs Jahrzehnte später - ist Valerius erstmals zurückgekehrt nach Scheidegg - um das aufzuarbeiten, was sie in jungen Jahren hier erlebt hat; um die Kindheit zu suchen und das Glücklichsein zu finden, wie sie sagt.

Wenn Ursula Valerius die Straße von Scheidegg nach Oberschwenden fährt, ist sie glücklich. Auch wenn sich «alles gravierend verändert hat; teilweise ziemlich greisenhaft aussieht», wie Valerius findet. «Aber ich sollte mal lieber selber in den Spiegel gucken», räumt sie ein.

Nichtsdestotrotz sei ihr auch nach all den Jahren «jede Ecke unheimlich vetraut». In Ebenschwand, versteckt in einer tiefen Mulde, haben ihre Großeltern auf einem Bauernhof Zuflucht vor den Kriegswirren gesucht. Wenige hundert Meter weiter, fast in Sichtweite zur Prinzregent-Luitpold-Kinderklinik, hat Ursula Valerius fast ein Jahr lang in einem Schindelhaus gelebt. «Der Garten sieht heut wild-romantisch aus, aber der Misthaufen ist immer noch da.»

Schlittenfahrten durch tief verschneite Winterlandschaften, Beerensammeln im Wald und durch die Wiesen hüpfen: «Im Westallgäu war ich Kind, ich konnte meinen Träumen nachgehen. Es war eine Glücksoase - trotz des Krieges und dem knurrenden Magen», sagt Valerius, die in einem «fürchterlich strengen Elternhaus» aufgewachsen ist - in dem es vor allem um Gehorsam, Unterordnung und Fleiß ging. «Eine Persönlichkeit hatte ich nicht zu haben; meine Mutter setzte sich mit dem Gummischlauch durch», sagt sie.

Bekanntes wiederfinden

Die verbleibenden Urlaubstage möchte Valerius nutzen, um durch Scheidegg zu gehen, Erinnerungen zu suchen und Bekanntes wiederzufinden. Den Metzger, mit den zwei Stufen nach unten und dem großen Vordach beispielsweise. Oder den Bäcker, bei dem sie in endlos langen Schlangen manches Mal vergebens für ein Brot anstehen musste.

«Wobei es wahrscheinlich utopisch ist, diese Gebäude nach 64 Jahren wiederzufinden.» Auch den Weg von Ebenschwand nach Scheidegg möchte sie wie früher zu Fuß laufen und schauen, wie lange sie heute dafür braucht.

«Irgendwie war Scheidegg immer mein Ziel», sagt Ursula Valerius, die heute in Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen) lebt. Und das hat sie nie aus den Augen verloren. Aber fünf zum Teil gescheiterte Ehen, das Zurechtfinden im Beruf und das Suchen nach einer eigenen Identität haben dazu geführt, dass Ursula Valerius erst jetzt die nötige Zeit und Ruhe für einen Besuch findet. «Außerdem wollte ich allein kommen, denn es gibt noch zu viel Vergangenheit aus Scheidegg, die in mir lebt.»

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