Oberstdorf
Im Reich der Adler, der wirklichen

1933, Beginn der deutschen Katastrophe: Die meisten nicht-jüdischen Intellektuellen des Landes gehen den Weg in die innere Emigration. Aus heutiger Sicht gab es damals nur zwei bedeutsame Ausnahmen, Martin Heidegger und Gottfried Benn. Beide begrüßten, auch in öffentlichen Stellungnahmen, den politischen Durchbruch einer Weltanschauung, von der sie sich allerdings schon ein Jahr später wieder distanzierten. Beide aber litten bis zuletzt an dieser Fehleinschätzung des Zeitgeists.

Ende September 1934 reist Gottfried Benn (1886-1956) aus der Reichshauptstadt Berlin nach Oberstdorf. Vordergründig dienen die Urlaubstage, die er hier verbringen wird, der Erholung von seiner beruflichen Tätigkeit als Hautarzt; in Wirklichkeit aber stehen sie ganz im Zeichen innerer und somit auch künstlerischer Neuorientierung: Benns ursprüngliche Begeisterung für den nationalsozialistischen Aufbruch hat sich, veranlasst nicht zuletzt durch den Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934, ins Gegenteil verkehrt. Zwischen dem vierten und sechsten Oktober schreibt er in Oberstdorf das vierteilige Gedicht «Am Brückenwehr»: anspruchsvoller Versuch einer grundsätzlichen Neubestimmung seines Verhältnisses zu Politik und Geschichte, Welt und Gesellschaft.

Kritik an «geschäftigen Nullen»

Als Lyriker berühmt wurde Benn mit der 1912 veröffentlichten Sammlung «Morgue», Gedichten, die einen damals ganz neuen, ent-romantisierten Realismus zum Ausdruck bringen. Als Essayist kritisiert Benn nach dem Ersten Weltkrieg scharf die von «geschäftigen Nullen» beherrschte, ausschließlich an materiellen Interessen orientierte Gesellschaft der Weimarer Republik. Der Autor hofft auf den Durchbruch einer neuen Ära, gegründet auf eine neue, das ermüdete Christentum endgültig ablösende Offenbarung, «ein Richtertum aus hohen wehrenden Gesetzen, Züchtung von Rausch und Opfer, Härte aus tragischem Gefühl», wie es in dem 1933 veröffentlichten Essay «Züchtung I» heißt.

Der Nationalsozialismus ist für ihn (und andere Vertretern der so genannten «Konservativen Revolution») die neue, erhoffte Religion. Über deren, nach dem Hakenkreuz, wichtigstes Symbol, den (Reichs-)Adler, reflektiert Benn in seinem gleichfalls 1933 erschienenen Essay «Expressionismus». Die Rede ist hier vom «Adler als Wappen, die Krone als Mythos und einige große Gehirne als Beseeler der Welt»; der Nationalsozialismus ist es, der den durch Christentum und moderne Zivilisation verloren gegangenen Glanz der alten Welt wieder erneuern soll: «Die Adler Odins», schreibt Benn, «fliegen den Adlern der römischen Legion entgegen.»

Der Adler erscheint auch in der ersten Strophe des in Oberstdorf entstandenen Gedichts «Am Brückenwehr IV», jetzt allerdings in ent-symbolisierter, ausschließlich auf das (sich hier selbst als «du» ansprechende) lyrische Ich rückbezogener Deutungsperspektive:

«Bist du auf Grate gestiegen,

sahst du die Gipfel klar:

Adler, die wirklichen, fliegen

schweigend und unfruchtbar.

An die Stelle von Züchtung, Rausch und Opfer treten, eingebettet gleichsam in den alpinen Kontext des Entstehungsortes, Schweigen, Einsamkeit und Unfruchtbarkeit. Der «wirkliche» Adler wird jetzt Benns Metapher für das reine, sich selbst genügende Ich, dessen geläutert nihilistische Weltsicht die Launen des Zeitgeists und der Geschichte überragt.

Dieses neue Ich (des Autors) beschränkt sich auf die Wahrnehmung elementarer und unveränderlicher Bestandteile der sichtbaren Welt - das «ewig schweigende Blaue» («Am Brückenwehr IV») - und erspürt dahinter «Form und Tiefe» eines Urgrunds, «durch den die Adler ziehn.» («Am Brückenwehr IV»).

«Aus wunderbaren Herbsttagen»

Am 28. September 1934 schreibt Benn aus Oberstdorf an seinen Bremer Freund Friedrich Wilhelm Oelze: «Aus wunderbaren Herbsttagen, heiss und blau, und aus dem Bereich der Adler, der wirklichen, die schweigend steigen.» Die Metaphorik der wenige Tage später entstandenen Brückenwehr-Gedichte kündigt sich hier bereits an und die Gedichte selbst sind der erste Schritt auf dem Weg des Autors in ein Doppelleben, über dem leitmotivisch

der aus der Erfahrung jener Jahre gewonnene Satz steht: «Sich irren und dennoch seinem Inneren weiter Glauben schenken müssen -: das ist der Mensch.» («Doppelleben», Autobiographie 1950).

Der gewichtige Beitrag

In den «Statischen Gedichten» (1948) verleiht Benn dieser Einsicht jene künstlerische Form, durch die sein Spätwerk zu einem der wichtigsten Beiträge europäischer Lyrik des 20. Jahrhunderts wurde.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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