Benefizaktion
Im Blindflug durchs Vier-Gänge-Menü

Die Idee ist ungewöhnlich, doch der Erfolg gibt dem Lions-Club recht: Schon vor dem Start des ersten Kaufbeurer 'No-Light-Dinner' konnte sich Präsident Christoph Gürtler über fünf (fast) ausverkaufte Dinner-Abende freuen, deren Erlös einer 'blindengerechten Ausstattung des Stadtmuseums'zugutekommen wird.

Auch beim Premierenabend wurde nicht nur in kompletter Dunkelheit gespeist, sondern auch an einem ganz besonderen Ort: Wo sonst der Stadtrat tagt, servierten zwei blinde Frauen und ein Mann ein viergängiges Menü für 24 sehende Gäste.

Damit kein Lichtstrahl die außergewöhnliche Erfahrung des vorübergehenden Blindseins stören konnte, wurde im Sitzungssaal 'wirklich jede Ritze abgeklebt', wie Museumsleiterin Dr. Astrid Pellengahr versicherte. So wurde schon in der Lichtschleuse allen Teilnehmern klar: Das ist kein besonders dunkles Candle-Light-Dinner, hier herrscht die stockfinstere Nacht.

Doch der Sitzungssaal setzte in puncto Dunkelheit noch einen drauf: Hier war es so rabenschwarz, wie es sich nicht einmal der Schirmherr, Kaufbeurens OB Stefan Bosse, in politischer Hinsicht wünschen würde. Die Hände auf den Schultern des Vordermanns, mussten die Gäste wie in einer Polonaise den Platzanweisern zum Tisch folgen.

Was serviert wurde, stand auf der Speisekarte. Wer Blindenschrift lesen kann, dem wäre vermutlich das Wasser im Mund zusammengelaufen: Parmaschinken auf Honigmelone, danach ein Mais-Paprika-Schaumsüppchen. Die Hauptspeise: gegrillte Hähnchenbrust mit Rosmarinkartoffeln und Ratatouille, als Nachtisch eine Creme Bavaroise mit Mocca-Sabayon. Das Küchenteam der Wertachtal-Werkstätten hatte ganze Arbeit geleistet. Doch das konnten die Gäste nur ahnen.

Probleme mit der Koordination

Die Vorspeise gab noch wenig Rätsel auf. Der süße Duft verriet die Honigmelone, den Parmaschinken dazu lieferte der Stichtest mit der Gabel. Richtig schneiden, das musste zumindest der Autor erfahren, lässt sich der Schinken aber nicht. Die Messer-Gabel-Koordination ohne Sichtkontrolle ist ein einziges Fiasko.

Bei den Melonenstücken wurde deshalb nicht lange rumgegabelt, sie mutierten flugs zum Fingerfood. Immer nur leere Zinken im Mund zu haben, ist auf Dauer zu frustrierend. Zum Glück hatten die Getränke ihren Stammplatz auf einem festgeklebten Bierfilz.

Das leckere Süppchen war, wie Hauptspeise und Dessert, mit zunehmender Routine schon einfacher: Die Linke umfasst Tasse oder Teller, die Nase direkt über das duftende Etwas gehalten, dann von unten nach oben schaufeln und weggeputzt – sieht ja keiner! Die Gespräche während des Essens entfalten dabei ihren ganz eigenen, fast schon intimen Reiz, weil man sich auf die Stimme des anderen konzentrieren muss.

Was nach drei Stunden 'blind sein' garantiert zunimmt, ist die Bewunderung für die vielen blinden Menschen, die souverän und lebensfroh ihren Alltag meistern.

Die nächsten Termine der No-Light-Dinner: 10., 12., 14. und 15. Oktober.

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