Bahnunglück
«Ihr werdet immer in unseren Herzen bleiben»

«Ich habe sie gut gekannt,» sagt ein 14-jähriger dunkelhaariger Junge mit Tränen in den Augen. Er zeigt auf einen Bilderrahmen, in dem das Foto einer blonden Jugendlichen zu sehen ist. Unter der Autobahnbrücke, wo das Bahngleis der Strecke München-Lindau die Autobahn A7 kreuzt, riecht es gestern Mittag noch nach Rauch. Jugendliche haben hier in der Nacht zum Sonntag ein Feuer angezündet. Als es kalt wurde. Als die Teenager - die meisten im Alter der Getöteten - froren und sich in den Arm nahmen. Um gemeinsam das Unbegreifliche zu verarbeiten. Die meisten Jugendlichen kannten Vanessa und Nicki, die beiden Memminger Schülerinnen aus Wirtschafts- und Hauptschule.

Alle haben unterschrieben

Hier, unter der Autobahnbrücke, wurden die beiden am Freitag vom Zug erfasst und getötet. Zig Kerzen sind an einem Betonpfeiler aufgestellt - zum Gedenken an das Unglück. Viele Blumen stehen in Vasen oder Bechern. Oder sie sind auf dem staubigen Boden abgelegt worden.

Und immer wieder kommen Erwachsene oder Jugendliche und bringen neue. << Ihr werdet immer in unseren Herzen bleiben >> steht auf einem großen Blatt Papier. Dort haben all die Trauernden unterschrieben. Ein älterer Mann gießt mit einer gelben Kanne die Blumen - rote Rosen oder Feldblumen.

Ein Bahn-Mitarbeiter in oranger Leuchtweste soll dafür sorgen, dass das Geschehen unter der Brücke geordnet verläuft. Und vor allem: dass nicht noch einmal jemand hier über die Gleise läuft - vielleicht nur, um die Unfallstelle aus nächster Nähe zu sehen oder um ein Foto zu machen. Deshalb hat die Polizei den Zugang zum Gleis mit einem rot-weißen Kunststoffband abgesperrt. Etwa 100 Meter von der Unglücksstelle entfernt führt ein Trampelpfad durch die Wiese zur Bahnstrecke.

Die Leute seien dort immer wieder über das Gleis gegangen, schildert eine Anwohnerin. Obwohl es auf Hinweisschildern an beiden Seiten heißt: << Überschreiten der Gleise verboten >>.

Vieles deutet darauf hin, dass sich unter der Brücke junge Leute häufig getroffen hatten: An den grauen Betonpfeilern sind bunte Graffitis angebracht. << Ich weiß nicht, ob das ein Jugend-Treffpunkt war >>, sagt der Bewohner eines Hauses in der Nähe des Unglücksortes. Er schüttelt den Kopf: << Was da geschehen ist, ist unbegreifbar >>. Auch bei der Polizei war die Brücke bisher keineswegs als Treffpunkt Jugendlicher bekannt.

Viele Spekulationen

Am Unglücksort spekulieren Erwachsene wie Jugendliche über den Unfallhergang. Manche meinen, es könnte sich um eine Mutprobe gehandelt haben. Vielleicht sei auch Alkohol mit im Spiel gewesen.

Die Polizei bestätigt, dass bei den toten Mädchen Blut entnommen worden sei und auf Alkohol untersucht werde. Ansonsten geben sich die Ermittler eher zurückhaltend: << Es wird in alle Richtungen ermittelt >>, heißt es. Ausgeschlossen aber seien Suizid oder ein Fremdverschulden, so die Ermittler. Es könnte sein, dass die beiden Mädchen am Freitagabend gegen 17.20 Uhr das Gleis unter der Brücke überqueren wollten und den herannahenden Regionalzug übersehen haben, heißt es in Polizeikreisen. Medienberichte von gestern, denen zufolge die Mädchen mit ihren Handys Fotos auf den Gleisen kurz vor Herannahen eines Zuges machen wollten, bestätigt die Polizei nicht. Auch nicht eine angebliche Zeugenaussage, nach der die Mädchen bereits vor vier Wochen Bilder von sich auf den Gleisen ins Internet gestellt haben.

Wohl nichts bemerkt

Der Zug passierte nach Bahnangaben mit 110 Stundenkilometern die Unterführung. Selbst wenn der Lokführer die Mädchen auf der Strecke gesehen hätte, wäre es für eine Vollbremsung zu spät gewesen. Doch er hat wohl gar nichts bemerkt. << Zumal er bei dieser Geschwindigkeit an der Unterführung praktisch vom Hellen ins Dunkle fährt >>, so ein Polizeisprecher.

Der 14-Jährige hat den Bilderrahmen in die Hand genommen, sich das Mädchen nochmals angeschaut. Dann stellt er das Bild zurück zu den Blumen und Kerzen. << Ich komme wieder vorbei >>, sagt er leise zu sich selbst. So, als wolle er es dem Mädchen versprechen.

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