Interview
«Ich hasse Jubiläen»

Sie waren die lauteste Band der Welt, zählen noch heute zu den Classic-Rock-Protagonisten und zelebrieren ungebrochen erfolgreich Rock vom Härtesten: Deep Purple. Im Gespräch mit unserer Zeitung sprach Sänger Ian Gillan (65) über die guten alten Zeiten und das Hier und Jetzt einer Rock-Legende.

Mister Gillan, seit 40 Jahren schwingen Sie für Deep Purple das Mikrofon. Wie schaut man auf dieses Jubiläum zurück?

Gillan: Ach, Jubiläen. Ich hasse sie, seit meine Tanten zu meinem Geburtstag aufkreuzten und mir kleinem Bub im Gesicht herumtätschelten. Furchtbar! Letztendlich ist 40 auch nur eine Zahl wie jede andere. Zum Beispiel 38.

Vor 38 Jahren hat Deep Purple die weltweit bekannteste Erkennungshymne des Hard Rock kreiert: «Smoke on the water» war eigentlich auf dem Album «Machine Head» als Lückenfüller gedacht

Gillan: Richtig. Ende 1971 begaben wir uns nach Montreux am Genfer See, um dort das legendäre Casino als Studio nutzen. Doch irgendein Idiot setzte mit einer Signalpistole den Club in Brand, während dort Frank Zappa die letzte Show vor der Winterpause absolvierte. Der Text beschreibt, was damals passierte: das brennende Casino, unsere Suche nach einem neuen Aufnahmeort - die Entstehungsgeschichte des Albums.

Dabei lag da «Smoke on the water» noch nicht einmal als Entwurf vor.

Gillan: Stimmt. Inmitten dieser hektischen Produktion fiel unserem Tontechniker auf, dass das vorbereitete Material zu kurz sei - wir mussten noch sieben Minuten auf der Platte füllen. Da erinnerten wir uns an diese Akkordabfolge aus einer Soundcheck-Jam. Es wäre wohl ein Song wie jeder andere geblieben, wenn nicht die Plattenfirma das Stück - ohne unser Wissen - als Single ausgekoppelt hätte.

Und die schlug ein wie eine Bombe

Womit sich die Frage stellt, ob es sinnvoll ist, langwierige Songwriting-Sessions anzusetzen, wenn ein in wenigen Minuten entstandenes Zufallsprodukt die Welt in Aufruhr versetzt.

Gillan: Diese Sichtweise scheint nicht abwegig, wenn man unterstellt, dass Musiker Songs komponieren, die einen hohen Profit erwirtschaften. Diese Denkweise war aber nie die Unsrige. Wir kreieren Songs, um unser Publikum damit zu unterhalten.

Von 1970 bis 1973 zählten zu den erfolgreichsten Jahren von Deep Purple - einer Ära, die aber von Spannungen zwischen Ihnen und dem damaligen Gitarristen Ritchie Blackmore gekennzeichnet waren. Kritiker behaupten, dass solche Rivalitäten notwendig seien, um Musiker zu musikalischen Höchstleistungen anzustacheln.

Gillan: (lacht) Von der Theorie hörte ich auch. Um gute Songs zu schreiben, brauche ich eine die Kreativität anregende Atmosphäre. Die damalige Konkurrenzsituation empfand ich als grausam.

Ist es für kreative Künstler nicht ein zweifelhaftes Vergnügen, Abend für Abend über 35 Jahre alte Stücke wie Smoke on the water, Black Night oder Highway Star spielen zu müssen?

Gillan: Warum? Es ist der Traum jedes Musikers, Songs zu komponieren, die selbst gesellschaftliche Veränderungen und radikale Modeströmungen unbeschadet überstehen!

Gibt es da etwas, was ein Ian Gillan anders angehen würde, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte?

Gillan: Ich bin mit meinem Leben und meiner Karriere sehr zufrieden. Ich bedauere nichts - außer, dass ich mich noch bei einigen Leuten für einige Sachen entschuldigen müsste, die ich in meinem jugendlichen Leichtsinn verbockte.

Was hat sich in den vergangenen 40 Jahren zum Besseren, was zum Schlechteren geändert?

Gillan: Die Rahmenbedingungen änderten sich in der Tat massiv. Für die Industrie ist schlecht, dass sie ihren Einfluss auf den Musiker verloren hat, ihm - dem nun mündigeren Künstler - keine Vorschriften mehr machen kann. Aber das ist ihr Problem, nicht meins, und eher gut für kreative Köpfe. Ergo: Ich sehe nichts Negatives. Außer dass wir altersbedingt verstärkt unser Haar verlieren.

Was bringt die Zukunft für Deep Purple? Denkt man ans Karriere-Ende?

Gillan: Wenn sich Musiker - wie wir im Moment - in der glücklichen Situation befinden, dass sie in der Band und an ihrer Musik Spaß haben, dann halte ich es für müßig, Gedanken ans Aufhören zu verschwenden. Interview: Andreas Schöwe

Deep Purple tritt am Donnerstag, 18. November (20 Uhr), im Eisstadion in Memmingen auf. Karten gibt es in den Service-Centern unserer Zeitung.

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