Kommunalpolitik
«Ich habe Blut geschwitzt»

Er ist Deutschlands dienstältester Oberbürgermeister: Memmingens Rathauschef Dr.Ivo Holzinger steht seit 30 Jahren an der Spitze der Stadt, nach dem Wahlsieg im Juli beginnt am Sonntag offiziell seine sechste Amtsperiode. Im Interview erzählt der SPD-Politiker von einem ganz besonderen Erlebnis auf einem Fußballplatz, von schlaflosen Nächten, von politischen Erfolgen und Enttäuschungen. Als Sie 1980 erstmals kandidierten, arbeiteten Sie als Jurist im Bundesfinanzministerium. Was hat Sie dazu bewogen, in die Politik zu gehen?

Holzinger: Es hatte mich schon immer gereizt, ein kommunales Amt zu übernehmen. Gerade eine schwäbische Stadt mit der Größe Memmingens hat mich sehr interessiert. Zumal meine Doktorarbeit von Mittelstädten in Deutschland gehandelt hatte. Mein Großvater war übrigens ein Dorfbürgermeister im Ries - über 30 Jahre lang.

Ihr CSU-Gegenkandidat im Jahr 1980 war der amtierende Zweite Bürgermeister von Memmingen, ein erfahrener Stadtrat. Wie haben Sie es als Neuling auf der politischen Bühne geschafft, das Rennen zu machen?

Holzinger: Das Wichtigste für einen Kommunalpolitiker ist, dorthin zu gehen, wo die Leute sind. Man darf nicht darauf warten, dass die Menschen auf einen zukommen. Das habe ich beherzigt und war erfolgreich.

Mit der Wahl zum Oberbürgermeister begann ein neues Leben. Hatten Sie es sich so vorgestellt, wie es dann gekommen ist?

Holzinger: Im Grunde schon. Mir war klar, dass ich terminlich voll belastet sein würde. Meine Frau hat sich ein eigenes Leben aufbauen müssen. Interessant zu beobachten war für mich, dass auch die höchsten politischen Spitzen nur mit Wasser kochen.

Memmingen hat sich seit 1980 stark verändert. Was sind die größten Erfolge, die seither errungen wurden?

Holzinger: Da ist beispielsweise die Zusammenlegung der beiden Krankenhäuser zu nennen, die Sanierung des kulturhistorisch bedeutsamen Kreuzherrnklosters, der Bau des Eisstadions und die Weiterentwicklung der Innenstadt und unseres großen Gewerbegebiets.

Was waren die größten Enttäuschungen?

Holzinger: Es hat mich schon getroffen, dass es nicht gelungen ist, die Schließung des Bundeswehr-Standorts im benachbarten Memmingerberg zu verhindern. Aber das hat sich nicht so negativ ausgewirkt wie befürchtet. Wir haben dort jetzt ja einen Zivilflughafen.

Seit langem verfolgen Sie mit Argusaugen, wo staatliche Einrichtungen in Schwaben angesiedelt werden. Fühlen Sie sich vom Freistaat benachteiligt?

Holzinger: Es hat weh getan, dass wir keine Fachhochschule bekommen haben. Das wurde unter anderem mit der Nähe zu den Hochschulen in Kempten und Neu-Ulm begründet. Bei einer ähnlichen Konstellation in der Oberpfalz hat der Freistaat grünes Licht gegeben. Ein grundsätzliches Problem ist unsere Nähe zur bayerisch-württembergischen Grenze. Behörden kommen eher ins Zentrum als an den Rand.

Bei wem - außer den Parteifreunden - suchen Sie Rat, wenn schwierige politische Entscheidungen anstehen?

Holzinger: Ich rede mit meiner Frau und mit Freunden, aber bis zu einem gewissen Grad ist man Einzelkämpfer. Es ist schwierig, einem Außenstehenden die Umstände so exakt zu erklären, dass er tatsächlich helfen kann.

Kommt es vor, dass ein anstehender Stadtratsbeschluss bei Ihnen für eine schlaflose Nacht sorgt?

Holzinger: Ja, das gibt es. Man denkt dann darüber nach, wie man die erforderlichen Mehrheiten bekommt. Das war beispielsweise vor vielen Jahren beim Bau eines Parkhauses der Fall.

Wenn einmal keine Veranstaltung und keine Sitzung ansteht: Was tun Sie, um sich zu erholen?

Holzinger: Ich bin dann am liebsten zuhause und lese. Zur Entspannung kommt Karl Valentin auf den Tisch. Ich nehme auch gerne Bücher mit historischen und wirtschaftlichen Inhalten zur Hand.

Sie haben eine Ausbildung zum Fußball-Schiedsrichter absolviert. Greifen Sie noch zur Pfeife?

Holzinger: Nur noch bei Prominenten- oder Benefizspielen. Mein erster Einsatz nach der Prüfung war übrigens ein ganz besonderes Erlebnis. Es handelte sich um ein Damenspiel im Unterallgäu, es ging um die Herbstmeisterschaft. Nach einer ruhigen ersten Halbzeit haben die Spielerinnen in der zweiten Hälfte ständig gefoult, deren Freunde haben vom Spielfeldrand aus reingerufen. Ich habe Blut geschwitzt und war froh, als das Spiel endlich vorbei war.

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