Memmingen / Warmisried
«Ich bin kein Wunderkind»

«Ich bin kein Wunderkind», betont Katharina aus Warmisried. Im Gegenteil, sie schreibe durchschnittliche Schulnoten und gehe gerne ins Kino wie viele andere Mädchen in ihrem Alter auch. Und doch gibt es einen Unterschied: Die 18-jährige Schülerin am Memminger Bernhard-Strigel-Gymnasium ist hochbegabt. Was sich so toll anhört, bringt auch zahlreiche Probleme mit sich, wie Katharina erfahren musste. Früher habe sie oft geweint, erzählt ihre Mutter Marlene Mayer.

Im Kindergarten konnte Katharina schon lesen, in der ersten Klasse bereits rechnen. «Ich wurde nie aufgerufen, wenn ich mich gemeldet habe, weil ich zu viel wusste», erinnert sich die Gymnasiastin. In der dritten Klasse schrieb sie nur Einser. Ihre Aufgaben erledigte sie in wenigen Minuten. «Die langweilige Wartezeit auf meine Mitschüler vertrieb ich mir mit Malen», erinnert sich die 18-Jährige. Ihr Frust wurde immer schlimmer: «Ich wollte keine Hausaufgaben mehr machen, weil ich nichts wiederholen wollte, das ich schon wusste.» Durch einen Zeitungsartikel wurden Katharinas Eltern schließlich auf das Thema Hochbegabung aufmerksam.

Sie ließen ihre Tochter testen. Mit einem Intelligenzquotienten (IQ) jenseits der 130 durfte Katharina die vierte Klasse überspringen und an ein Gymnasium wechseln. Zum Vergleich: Normal begabte Menschen haben einen IQ von etwa 90-109. Katharina war ihren Mitschülern weit voraus - und das löste Probleme aus. Sie bekam eine Außenseiter-Rolle aufgedrängt, wurde schikaniert, gemobbt und ausgegrenzt. Dies führte dazu, dass Katharina immer öfter krank wurde, keinerlei Lust mehr zum Lernen hatte und in der siebten Klasse sogar sitzen blieb. Und wieder war sie dem Spott von Mitschülern ausgesetzt: «Sie sagten, erst überspringt sie eine Klasse und bleibt dann sitzen. Mann, ist die dämlich», erzählt die 18-Jährige. «Irgendwann denkt man selber, dass man doof ist», fügt sie hinzu.

Keine Einser-Schüler

«Weil Hochbegabte häufig nur durchschnittliche Zensuren bekommen, wird ihnen oft Unverständnis entgegengebracht», erklärt der Kinderpsychotherapeut und Schulpsychologe Norbert Jäntschi. Landläufige Meinung sei, dass Hochbegabte automatisch auch Einser-Schüler sein müssten.

Dass dies nicht so ist, liegt laut Jäntschi daran, dass Hochbegabte sich im Unterricht häufig langweilen und enttäuscht sind, weil sie dort nicht erfahren, was sie wirklich wissen wollen. Dann würden sie abschalten und interessierten sich nicht mehr für den Lernstoff. Katharina bekam irgendwann Depressionen. Mitte der achten Klasse wechselte sie ans Strigel-Gymnasium. «Ich gehe gerne dort hin», erzählt sie.

Nur drei Prozent aller Kinder in Deutschland sind hochbegabt. Doch bei vielen von ihnen fehlt die entsprechende Förderung. Bei Katharinas großem Bruder Tobias ging das so weit, dass er letztlich in eine Förderschule gesteckt wurde. In der ersten Klasse hatte sich der verhaltensauffällige Bub nicht am Unterricht beteiligt, er sollte bereits nach drei Monaten auf die Sonderschule und musste die erste Klasse wiederholen. Erst im Alter von 21 Jahren wurde seine besondere Intelligenz festgestellt.

Katharina schaut nach all ihren Problemen wieder positiv in die Zukunft und hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Nach dem Abitur möchte sie Humangenetik studieren. Dabei handelt es sich um ein Teilgebiet der Genetik, das sich speziell mit dem Erbgut des Menschen beschäftigt.

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