Kirchenmusik
Höhenflug mit Kraft und Disziplin

Ihrem Ruf als Kaufbeurer Elite-Chor wurden die «Martinsfiken» unter der Leitung von Gottfried Hahn auch bei ihrem Passionskonzert in der Stadtpfarrkirche St. Martin gerecht. Zusammen mit Richard Waldmüller an der Orgel bescherten sie den vielen Zuhörern durch die Auswahl der vorgetragenen Stücke, vor allem aber durch die exakte Ausführung ein musikalisches Erlebnis.

Ein Schwerpunkt des Konzerts lag auf dem Werk des Kaufbeurer Komponisten Ludwig Hahn (1905 bis 1973). Den Beginn machten Teile der «Missa choralis», die ausschließlich für gemischte Chorstimmen geschrieben wurde. Den gregorianisch-schlichten Grundton der Komposition bereicherte Hahn mit feiner Mehrstimmigkeit und subtil eingesetzten Elementen der Moderne. Dabei schaffte es der in jeder Beziehung stattliche Chor, die große klangliche und auch dynamische Bandbreite der Messgesänge auszuschöpfen. Dennoch blieb die nachdenkliche Grundstimmung stets erhalten, was sich zusammen mit den lateinischen Texten der entsprechend ausgewählten Messteile (Kyrie, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei) bestens in die Passionszeit einfügte.

Hahns «Passionskantate», für die er drei traditionelle sakrale Weisen bearbeitet hat, lebt ebenso wie die «Missa choralis» von der Spannung zwischen archaischen Wurzeln und zeitgenössischer Klangsprache. Vielleicht noch mehr als beim ersten Werk demonstrierten die «Martinsfinken» hier die Kunst, transparente, schwebende Klanggebilde zu schaffen, die in dieser Form nur durch große Genauigkeit in und zwischen den Stimmen sowie überaus disziplinierte Artikulation möglich sind.

Noch mehr von ihrer stimmlichen Kraft konnten die Sänger bei drei Stücken von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) wirken lassen.

Die sechsstimmigen Motetten «Ich bin ein rechter Weinstock», «Ich weiß, dass mein Erlöser lebt» sowie «Die Himmel erzählen die Ehre Gottes» sind zwar noch ganz von frühbarocker Strenge geprägt. Doch die kunstvolle Verschränkung der Stimmen und auch die feine Akzentuierung durch die «Martinsfinken» machten die Stücke anregend und interessant.

Bei aller professionellen Disziplin aus dem Vollen schöpfen durfte der Chor, insbesondere der Tenor, dann zum Schluss: Giuseppe Verdis «Vater unser»-Vertonung für fünfstimmigen Chor erinnert in seiner Intensität an die dramatischen Stellen im Requiem des Komponisten.

Dabei ließen die «Martinsfinken» die Klangkaskaden so vielgestaltig in den Kirchenraum stürzen, dass man den opulenten Opernklang Verdis auch ganz ohne Orchester erleben konnte.

Zwischen den Auftritten des Chors ließ Waldmüller an der Crescentia-Orgel drei Choralvorspiele erklingen, die sehr gut zwischen den A-cappella-Stücken vermittelten: Johann Sebastian Bachs «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ» (BWV 639) und «Herzlich tut mich verlangen» (BWV 727) sowie seine Eigenkomposition «Herzliebster Jesu». Mit diesem sich subtil steigernden Werk fasste der langjährige Kirchenmusiker von St. Martin den Charakter des Passionskonzertes prägnant zusammen - von der schlichten Moderne Hahns bis zum kraftvollen Verdi-Schlusspunkt.

Herzlicher Applaus belohnte die Mitwirkenden für ihre große Leistung und löste spürbar die emotionale Spannung, die gerade die Chorstücke jedes Mal aufs Neue erzeugten. Die «Martinsfinken» hatten sich auf einen erneuten Höhenflug begeben.

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