Revision
Hitzefrei - Müllheizkraftwerk in Kempten ausgeschaltet

Alles steht im Müllheizkraftwerk Kempten. Die gesamte Anlage ist dieser Tage für die Herbst-Revision abgeschaltet. Doch von Stillstand ist im Inneren des Kraftwerks nichts zu spüren. Etwa doppelt so viele Mitarbeiter wie sonst arbeiten derzeit auf Hochtouren. Ein Großteil von ihnen ist an diesem Tag im riesigen Brennkessel beschäftigt.

Normalerweise herrschen hier bis zu 1000 Grad. Doch auch ohne die Hitze des Ofens steht den Arbeitern trotzdem der Schweiß auf der Stirn. Die Luft ist staubtrocken. Auf einem Gerüst im Feuerraum steht ein Teil von ihnen in Schutzanzügen und mit Helmen.

Mit Hochdruck-Sandstrahlern sprengen sie die festgebackene Schlacke von den Wänden des Brennkessels – ein Knochenjob. Der Lärm der Geräte ist ohrenbetäubend, der Boden vibriert, selbst durch den feinmaschigen Mundchutz fällt es schwer zu atmen. Trotz des Stoffs vor Nase und Mund scheint man die feinen Körner des Sandstrahlers auf der Zunge schmecken zu können.

'Zweimal im Jahr findet diese Revision im Kraftwerk statt', erklärt Thomas Gabler, stellvertretender Abteilungsleiter für den laufenden Betrieb. 'Wenn keine Komplikationen auftreten, steht die Anlage im besten Fall zehn bis zwölf Tage still', erklärt der 29-jährige Diplomingenieur.

50.000 Euro kostet ein Tag

Zunächst benötigt es einen Tag bis der letzte Müll abgebrannt, der Kessel heruntergefahren und abgekühlt ist. Dann machen sich die rund 50 Arbeiter von 15 bis 20 Fremdfirmen ans Werk.

Sie führen alle denkbaren Wartungsarbeiten durch: 'Vom Reinigen über das Vermessen der Kesselwände bis zu Schweißarbeiten', erklärt Gabler. Der Terminplan ist eng gestrickt. Denn jeder Tag Stillstand kostet 50 000 Euro.

'Einige Entscheidungen für nötige Wartungsarbeiten können allerdings erst nach der ersten Begehung getroffen werden.' Der anfallende Unrat wird in der Zeit der Revision im 2000 Tonnen fassenden Bunker gelagert oder teils zu anderen Kraftwerken umgeleitet.

Zehn Meter unter dem Gerüst, balancieren inzwischen sechs Männer über Holzplanken auf dem riesigen Rost, dem Herzstück des Ofens. In einer Kette reichen sie sich die 30 Kilo schweren Roststufen weiter.

Jede einzelne der insgesamt 450 Stufen muss abgebaut und überprüft werden. Trotz der Dunkelheit, des Staubs und des muffigen Geruchs bis zu acht Stunden am Tag sind die Männer gut gelaunt, scherzen und lachen.

Auch für die Kraftwerk-Mitarbeiter, die nicht selbst im Kessel stehen und diesen reinigen, ist die Revision eine Mammutaufgabe. In dieser Zeit tauschen alle Alltagskleidung gegen Blaumann und die gepflegte Frisur gegen einen Helm, erzählt Bereichsleiter Christoph Lindermayr.

Die wenigste Arbeitszeit verbringen er und die Kollegen dann auf ihren Bürostühlen. Doch sie freuen sich auch auf die durchaus spannende Zeit zweimal pro Jahr. 'Nach den knapp zwei Wochen, in denen wir meist sogar am Wochenende durcharbeiten, freut man sich allerdings auch wieder auf das Ende', sind sich Gabler und Lindermayr einig.

Voraussichtlich am Dienstag sind alle Arbeiten erledigt, dann kann der Kessel wieder hochgefahren werden. Die vielen zusätzlichen Arbeiter ziehen wie jeden Herbst und jedes Frühjahr wieder von dannen.

Dann kehrt wieder Normalität ein im Kemptener Müllheizkraftwerk, wo im Alltag vier bis fünf Männer ausreichen, um die Anlage im Schichtbetrieb zu betreiben. Lange wird die Ruhe nach dem Sturm aber nicht anhalten. Denn schon bald beginnen die Planungen für die Frühjahrs-Revision. 'Eigentlich', sagt Lindermayr, 'ist nach dem Stillstand vor dem Stillstand'.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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