Kempten
Hingebungsvoll

Erstaunlich: Das Stammpublikum von Konzertveranstalter Dr. Franz Tröger füllt inzwischen den Kemptener Fürstensaal auch im Urlaubsmonat August mit Leichtigkeit. Kurzfristig und außerhalb der etablierten «Solopiano»-Reihe hatte sich der noch junge Ungar Dénes Várjon, Meisterschüler von András Schiff, angesagt. Mit einem Programm, das an virtuoser Brillanz, gut dosierter Modernität und romantisch-schwelgender Klangfülle keine Wünsche offen ließ.

Prickelnd authentisch wirkte dazu noch Várjons Wahl der Komponisten für sein Programm: Bartòk (ebenfalls Ungar), Skrjabin und Berg (Russe und Österreicher, beide Geistesbrüder Bartóks) und als Schwergewicht dann den ungarischen Landsmann Liszt.

Auflösung der Harmonik

Die drei «Neutöner»-Werke zu Beginn sind um 1908 entstanden: genau der Zeitpunkt radikaler Auflösung von Harmonik und «Tonalität» - richtig wäre Tonikalität, bezogen auf einen Tonart-Grundton, die Tonika. So hört man in Béla Bartóks «Zwei Elegien» anstatt einer Tonart je ein Vierton-Leitmotiv heraus. Wobei die oft derb-dämonische, auch triste Tonsprache offenbar mit der angebeteten Geigenvirtuosin Stefi Geyer zu tun hat. Die gab dem heiratswilligen Komponisten recht schroff einen «Korb».

In diesen packte der geschockte Werber sogleich seine musikalisch sublimierten Frust-Emotionen - mit dem Etikett «Erste Elegie». Die «Zweite Elegie», in ruhigerem Fahrwasser, schrieb Bartòk gleich nach der Heirat mit seiner Schülerin Márta Ziegler, ein Jahr später.

Bei Alexander Skrjabins atonaler Sonate Nr. 5 strömt alle melodische und harmonische Gestaltung aus einem mehrtönigen, chromatisch modifizierbaren Klangzentrum, einem esoterisch begründeten «mystischen Akkord», der im Modern Jazz als «13er» beliebt wurde.

Und Alban Bergs Klaviersonate klingt farbig «panchromatisch». So entsteht beim Zuhörer durch Várjons Spielweise und Programmfolge der Eindruck: Bartóks Krassheit mildert sich bei Skrjabin, weicht bei Berg einem impressionistisch anmutenden Klangfluss.

Würde man diese Musik im Radio hören (was selten genug vorkommt), wechselten wohl die meisten den Sender. Deshalb ist ein Live-Konzert wie dieses unersetzlich: Dénes Várjon spielt atonale Musik mit Leidenschaft und Hingabe - das hilft dem schauenden Hörer, wie Seil und Haken dem Bergsteiger, über schwindelnde Klüfte, schroffe Abbrüche, ausgesetzte Stellen hinweg.

Franz Liszt als Kontrast

Den denkbar stärksten Kontrast zu diesen abenteuerlichen Neutöner-Werken setzt Várjon vor der Pause mit Franz Liszts Wagner-Bearbeitung von «Isoldes Liebestod» (1867): In ein üppig-weiches Daunenfederbett aus orchestralen Romantik-Finessen lässt er seine Hörer fallen.

Und in die Liszt-Klaviersonate h-Moll nach der Pause, ein Wahnsinns-Werk aus sinfonischer Grandezza und poetischem Reichtum, wirft er sich mit solcher Verve, dass eine Zugabe trotz fälliger Ovationen nicht in Frage kommt.

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