Blons / Vorarlberg
Himmelfahrtskommando in den Bergen

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Das Bergdorf ist ein Ort des Schreckens. Eine gewaltige Kraft hat das Dach des Wirtshauses abgedeckt und auf den Kirchplatz geworfen, der Boden ist übersät mit Tischen, Stühlen, Teppichen, Schränken, Betten. Hie und da liegen tote Tiere, grausam verstümmelt. Ein Rettungshubschrauber landet und wirbelt Schnee auf. Soldaten ziehen einen Schlitten mit Leichen den Berg hinauf. Es könnte einem das Grausen kommen hier oben, in der sonst so idyllischen Bergwelt des Großen Walsertals. Doch die große Filmkamera, die auf Schienen mitten durch die schreckliche Szene fährt, zeigt: Die Katastrophe ist nur inszeniert.

Reinhold Bilgeri und seine Leute haben neben der Alpe Oberpartnom auf 1700 Meter Höhe eine verblüffend realistisch wirkende Kulisse aufgebaut. Eine Art Potemkinsches Dorf in den Vorarlberger Alpen. Nichts ist echt, weder das Kirchlein, das unversehrt dasteht, noch der Adlerwirt oder das Gemeindehaus, beide völlig zerstört. Regisseur Bilgeri dreht einen Spielfilm. Ein Wahnsinns-Projekt, wie er stolz und kokettierend zugleich sagt. Ein paar Tage noch, dann sind die letzten Szenen im Kasten.

Es wird ein Film über eine große Liebe. Und ein Film über ein großes Unglück. Bilgeri erzählt ein wahres Ereignis, das gar nicht weit von dem Filmdorf entfernt passiert ist. Am 11. Januar 1954 gingen zwei riesige Lawinen über dem 300-Seelen-Dorf Blons nieder. Eines der größten alpinen Unglücke, die es je gab.

57 Menschen starben allein in Blons, im Großen Walsertal waren insgesamt 80 Tote zu beklagen. Große Mengen an Neuschnee auf den Bergen hatten sich nicht richtig mit dem Untergrund verbunden und waren - auch wegen fehlender und mangelhafter Lawinenverbauungen - ins Tal gerast.

Vor diesem Hintergrund erzählt Bilgeri die - teils fiktive - Liebesgeschichte seiner Eltern. Sie hatten sich Anfang der 1950er Jahre im Großen Walsertal kennengelernt. Beim Unglück lebten sie allerdings schon unten in Hohenems und hatten einen vierjährigen Sohn - Reinhold Bilgeri.

Heute ist er ein smarter Selfmademan mit Draufgänger-Attitüde. Die grauen Haare lässt Bilgeri lang wachsen, die teure Sonnenbrille nimmt er vermutlich nicht mal im Bett ab. Trotz seiner 60 Jahre wirkt er dynamisch. «Der Stoff ging mir schon lange im Kopf herum», sagt er. Vor ein paar Jahren schrieb er, der von Beruf erst Lehrer war, dann Rockmusiker und ein Star des Austro-Pop («Video Life») , ein Drehbuch. «Ein Skelett», sagt Bilgeri.

Das fehlende Fleisch reichte er mit einem Roman nach, den er 2005 veröffentlichte. «Der Atem des Himmels» nannte er ihn. Ein unerwarteter Erfolg. In Österreich landete er in den Bestsellerlisten. 2007 brachte der Münchner Piper-Verlag eine Taschenbuch-Ausgabe heraus. 50 000 Mal ging sie inzwischen über den Ladentisch.

Kein Wunder, dass deutsche Produzenten die berührende Liebesgeschichte vor dramatischem Hintergrund verfilmen wollten. Doch da spielte Bilgeri nicht mehr mit. Er fürchtete, es könnte ein kitschiger Streifen in Geierwally-Art werden. Also kaufte er die Filmrechte, die er schon veräußert hatte, zurück. «Ich wollte einen österreichischen Film machen, der sich eng an die Romanvorlage halten sollte», sagt er. «Schließlich ist es die Geschichte meiner Mutter.»

Damit begann ein künstlerisches wie finanzielles Himmelfahrts-Kommando. Wenn Bilgeri davon erzählt, lässt er Sätze fallen wie: «Wir sind nicht ganz bei Trost - aber liebe Burschen.» Flugs gründete er eine Produktionsfirma, übernahm höchstpersönlich die Regie. Das traute er sich nach Erfahrungen mit Shows, TV-Filmen und Videoclips einfach zu, sagt er. «Außerdem kann mir keiner dreinreden.»

Für die Hauptrolle engagierte er seine Frau Beatrix, 1981 «Miss Vorarlberg». Besonders stolz ist Bilgeri, dass er Schauspieler wie Gerd Böckmann, Krista Stadler oder den französischen Star Eric Judor ins Boot holte. Garant für einen Erfolg an der Kinokasse soll der Mann hinter der Kamera sein. Bilgeri verpflichtete Tomas Erhart, der schon bei den Schwabenkindern (2003) die Bergwelt in ein archaisches Licht rückte.

3,5 Millionen Euro kostet der Film bisher. Nun werden weitere 1,5 Millionen für Werbung und Vermarktung gesetzt. Im Herbst soll der Film in die Kinos kommen. Ob er dann seine Kosten einspielt, ist eine spannende Frage. Warnende Stimmen im Vorfeld schlug Bilgeri in den Wind. «Das Ganze ist ein Wagnis - Scheitern inbegriffen», sagt er. «Doch das ist mir wurscht.»

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