Hildegardplatz Kempten - Bühne für die Basilika

3Bilder

Zwei Straßen durchschneiden ihn, parkende Autos verunstalten ihn, und ein Wildwuchs von Gehsteigen und Linien durchfurchen ihn. Keine Frage, der Hildegardplatz vor der Basilika St. Lorenz in Kempten ist alles andere als attraktiv. Er schreit förmlich nach einer Verschönerung. Die Stadt hat dies längst erkannt und will das einstige barocke Kleinod aus dem 17. Jahrhunderts, das zum bloßen Verkehrsraum verkommen ist, neu gestalten.

Wie das rund ein Hektar große, fast quadratische Rechteck rund um die Basilika in einen zeitgemäßen Zustand versetzt werden soll, ist eigentlich entschieden. Doch nach wie vor wird um die Gestaltung heftig diskutiert. Und in diesen Wochen kochen die Emotionen richtig hoch - wegen der Frage, ob eine Tiefgarage unter den Platz gebaut werden soll oder nicht.

Für die Stadtplaner und Kommunalpolitiker ist der Umbau des Hildegardplatzes (inklusive Stiftsplatz und Kirchberg) eine Gratwanderung zwischen der geschichtlichen und architektonischen Bedeutung einerseits und den Forderungen der Gegenwart andererseits. Anders gesagt: Was nützt ein penibel rekonstruierter Barock-Raum, wenn er für die heutigen Menschen unattraktiv wird? Es galt, einen vernünftigen Kompromiss zu finden.

Ein Ort der Begegnung für die Bürger

Sinnvollerweise entschied sich die Stadt nicht für eine Rekonstruktion des einstigen barocken Marktplatzes vor der Basilika, sondern für eine Neuinterpretation. Eine «Anknüpfung» nennt dies Kemptens Baureferentin Monika Beltinger.

Und so soll der Platz künftig zwei Aufgaben kombinieren: als Bühne für die Basilika dienen und als Ort der Begegnung für die Bürger.

Bühne für die Basilika bedeutet: Keine Bäume sollen - zumindest - die Süd- und Westfassade dieses prächtigen, um 1670 fertiggestellten Gotteshauses verstellen. Wie herausgehoben die Basilika im Stadtbild wirken soll, ist schon daran abzulesen, dass die Planer sie auf einen Hügel platzierten. Den Rahmen dazu setzt die umlaufende Häuserzeile.

Barocke Architektur hat fast immer etwas mit macht- und prachtbewusster Inszenierung zu tun, sie strebt oft ein Gesamtkunstwerk aus unterschiedlichen Elementen an.

Die Autos werden weitgehend vom Platz verbannt

Auch Autos würden das barocke Bühnenbild stören. Deshalb ist es konsequent, sie vom Platz weitgehend zu verbannen und den fließenden Verkehr nicht mehr wie bisher quer über den Platz zu führen, sondern seitlich an den Häusern entlang. So wird die einstige Weite und Großzügigkeit des Raumes wieder hergestellt (und bietet zugleich dem Wochenmarkt mittwochs und samstags beste Bedingungen). Unterstrichen wird dies von einer Pflasterung mit hellgrauem Granit.

Genau hier setzt die Kritik vieler Kemptener an. Sie empfinden einen solchen Platz als leer, steril, ja fast öde. Beim Hildegardplatz übersehen sie vielleicht, dass recht zentral eine Art Baumquartier von immerhin 300 Quadratmetern aus dem Granit wachsen soll, mit Bänken, Spielmöglichkeiten und einem Wasserauslass. Eine schattenspendende Oase also. Zudem bleibt zwischen der Straße und den Häusern (mit Geschäften und Gastronomie) ein breiter Streifen zum Flanieren. Auch sollen Sitzplätze in den Basilika-Hügel hineingebaut werden. Ziemlich gute Voraussetzungen für einen belebten Stadtraum.

Die Stadt führt damit fort, was sie auf den meisten anderen Plätzen, die sie in den vergangenen Jahren restaurierte, tat: Sie schuf einerseits freie Flächen, um die Schönheiten von Bauwerken zu präsentieren, um Sichtachsen herzustellen und Großzügigkeit walten zu lassen. Andererseits richtete sie Räume zum Verweilen ein - mit kleinen Bäumen (wie auf dem St. Mang-Platz) oder mit Wasserspielen (Residenzplatz). Und wers richtig grün mag, hat in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hildegardplatz genügend Angebote - etwa den Stadtpark im Süden und den Hofgarten im Norden.

Soll eine Tiefgarage gebaut werden oder nicht?

Heftig diskutiert werden derzeit vor allem zwei Dinge. Es gibt viele, die einen Brunnen fordern, wie es ihn früher gab. Damit würde sowohl der Geschichte Rechnung getragen, als auch Leben auf den Platz gebracht. «Ich halte das für zwingend notwendig», erklärt beispielsweise Stadtheimatpfleger Tilmann Ritter. Solche Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Für die Stadtplaner freilich ist das Baumquartier die zeitgemäßere Lösung.

Den größten Streit aber gibt es wegen einer eventuellen Tiefgarage unter dem Hildegardplatz. Am 10. April werden die Kemptener in einem Bürgerentscheid darüber abstimmen. Für die Architektur des Platzes spielt die Tiefgarage eher eine Nebenrolle. Wie die vier Auf- und Abgänge das Bild verändern, wird freilich unterschiedlich beurteilt.

Problematischer ist, dass die Autos direkt am Kirchenportal vorbeifahren. Das stehe im Widerspruch zur barocken Idee und beeinträchtige die Aufenthaltsqualität, sagen Kritiker. Andererseits verschwinden durch der Tiefgarage die meisten Autos unter der Erde - was wiederum die Bühne für die Basilika zumindest von der Seite des Kirchbergs her aufwertet.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen