Memmingen
Heißer Punsch und böse Geister

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«Nein, Jennifer, der Jahrmarkt hat noch zu, du kannst vor 11 Uhr nicht fahren.» Die junge Mama hat große Mühe, ihr aufgewecktes Töchterchen vom Kinderkarussell fernzuhalten. Das Mädchen guckt grimmig, als die Mutter ihr von einer offiziellen Eröffnung mit dem Oberbürgermeister in 20 Minuten erzählt und sie höflich bittet, «bis dahin zu warten».

Ein älteres Ehepaar, das ebenfalls zur Jahrmarkt-Eröffnung gekommen ist, ist nicht minder ungeduldig. «Jetzt wird es aber Zeit, wo bleibt denn nur der Oberbürgermeister?» Dass Dr. Ivo Holzinger bereits spricht, haben die beiden gar nicht mitbekommen, weil die Musikkapelle die Ansprache des Stadtchefs übertönt. Holzingers Worte sind kurz und knackig, das anschließende Trompeten-Solo von Marktreferent Rolf Spitz laut und flott - danach gehen beide in die Luft: Zur Musik des Films «Fluch der Karibik» werden Spitz, Holzinger und weitere Vertreter des Memminger Stadtrats im Fahrgeschäft «Parcours» ordentlich durchgeschüttelt.

Die Musik ist abwechslungsreich - und das hat System: «Immer nur Lady Gaga geht einem doch auf den Keks», sagt Andreas Aigner (35), Schausteller «in der vierten Generation». Deshalb spielt er «Musik querbeet», was er mit Ron Goodwins «Miss Marple Theme» unterstreicht.

Ein Satz genügt, um schöne Gedanken an die pfiffige Fernseh-Detektivin Margaret Rutherford aus dem Gehirn zu pusten: «Fahrt zur Hölle, ihr windigen kleinen Geschöpfe - ich bin nicht der Anfang, ich bin das Ende», klingt es gruselig aus der Geisterbahn nebenan. Saskia (12) findet das «total super» und will sofort mit ihrer Oma fahren. Saskias leidenschaftlich formulierter Monolog rund um die neue 3D-Brille lassen die Großmutter kalt - Oma holt sich am Backhäusle lieber einen heißen Punsch.

Dazu isst sie eine Waffel und liegt damit voll im Trend: «In Memmingen sind vor allem die Waffeln sehr gefragt», sagt Inhaber Christian Krems und liefert die Begründung gleich mit: «na, weil sie halt gut sind.» Gut sei die Saison für sein Unternehmen verlaufen, die Wirtschaftskrise mache jedoch auch vor Dampfnudel und Zwetschgentasche nicht halt. «Man merkt, dass die Leute mehr die Preise vergleichen.»

Sophia muss noch nichts vergleichen. Das Mädchen ist vier Jahre jung, ein Alter also, in dem es völlig ausreicht, zu sagen, was einem gefällt: «Das Pferdereiten finde ich am schönsten», sagt sie und herzt ihre Oma. Die Familie aus der Schweiz hätte womöglich alles gegeben, hätten sich ihre beiden Buben im Grundschulalter mit einem kleinen Ausritt im Kreis begnügt.

Sie wollen aber an den Schießstand. Was mit viel Vergnügen und Lob beginnt, endet in einer emotional geführten Diskussion: Die Kinder suchen sich als Belobigung für ihre Treffsicherheit ein Messer und eine Pistole mit Plastikkugeln aus. Während die Schaustellerin unberührt den «Preis» aushändigt und engagiert die exakte Anwendung von Messer und Pistole erklärt, ist der Hausfrieden dieser Familie offensichtlich empfindlich gestört.

Wenige Minuten später passt sich das Wetter der Gemütslage dieser Besucher an - ein heftiger Regenschauer begleitet die Familie und weitere Menschen auf dem Heimweg. Andere fahren oder bummeln weiter - frei nach dem Motto: Ende dieser Woche ist der Jahrmarkt schon vorbei.

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