Hausärzte stöhnen über Bürokratie

Westallgäu/Lindau | dik | Die meisten der 60 Hausarztpraxen im Landkreis bleiben am kommenden Mittwoch geschlossen. Die Ärzte nehmen an einer Großveranstaltung teil. Dort überlegen sie, ob sie gemeinsam aus dem bisherigen System der Krankenkassen austreten.

Auch im Landkreis Lindau stöhnen Hausärzte über steigende Bürokratie. Zudem gingen die Kosten hoch und die Einnahmen runter. 'Ein Monteur bekommt für einen Hausbesuch mehr als ein Arzt', klagt der Lindenberger Arzt Dr. Werner Hofstetter, Delegierter beim Bayerischen Hausärzteverband.

Weil sie sich von der Kassenärztlichen Vereinigung nicht recht vertreten fühlen, wollen sie in großer Zahl gemeinsam austreten und ihre Kassenzulassung zurückgeben.

Die Patienten erlitten dadurch keine Nachteile, versprechen die Ärzte. Sie wollen über ihren Hausärzteverband eigenständig mit den Kassen verhandeln und eigene Verträge abschließen. Sollten die Kassen dies ablehnen, werde jeder Hausarzt seine Leistungen direkt mit den Kassen abrechnen, nicht mit den Patienten, wie von manchen Kassen behauptet werde.

Acht Millionen Rechnungen

'In Anbetracht der Tatsache, dass die Kassen in diesem Fall monatlich fünf bis acht Millionen Rechnungen erhalten würden', wie Hofstetter vorrechnet, gehen die Hausärzte davon aus, dass die Kassen bis zum Sommer Verträge abschließen werden. Bis dahin wollen die Ärzte im bestehenden System bleiben.

Weiterer Grund für den Ärzteprotest ist ihre Sorge vor einem zunehmend anonymen Gesundheitssystem. 'Die flächendeckende und wohnortnahe hausärztliche Versorgung einer immer älter werdenden Bevölkerung ist massiv gefährdet', schreibt Carl-Joachim Mellinghoff, der Vorsitzende der Ärztegemeinschaft in Lindau (AGiL).

Der Gesetzgeber bewege sich immer weiter in Richtung eines Gesundheitssystems nach amerikanischem Vorbild. 'Es verdichtet sich sehr deutlich der Eindruck, dass die Hausärzte wegrationalisiert und durch Care- und Case-Manager sowie durch Call-Center und durch anonyme Versorgungszentren ganz oder teilweise ersetzt werden sollen', schreibt Mellinghoff.

Patient namenlose Nummer

Hofstetter ergänzt: 'Schluss mit den Plänen der Politiker, unser Gesundheitssystem so umzukrempeln, dass die Patienten künftig in medizinische Versorgungszentren fahren müssen, die von Kapitalgesellschaften betrieben werden, in denen die Patienten nur noch eine namenlose Nummer sein werden.' Das wolle die Mehrheit der Patienten nicht, sind die Hausärzte sicher.

Vor diesem Hintergrund soll der Protest auch den Nachwuchs der Hausärzte sichern. Denn derzeit ist laut Mellinghoff in Bayern nur noch einer von zehn Hausärzten unter 40 Jahren alt. Und junge Ärzte gingen lieber ins Ausland oder in die freie Wirtschaft. Damit aber drohe in ein paar Jahren das Ende der hausärztlichen Versorgung gerade in ländlichen Gebieten.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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