AZ-Weihnachtsaktion
Günstige Lebensmittel und für jeden ein offenes Ohr

Wenn Maria-Theresia Weiß nicht schon da wäre - für diesen Laden im Wohnzimmer-Format müsste man sie glatt erfinden. «Darf es sonst noch was sein?», fragt die resolute 72-Jährige und blickt fragend über ihren Brillenrand. Dann holt sie ein paar Tomaten, schreibt den Betrag mit Kugelschreiber säuberlich auf ein Stückchen weißes Papier. Und wirkt, während sie da hinter ihrem Tresen steht, wie der Fleisch gewordene Tante-Emma-Laden. So sehr, dass man beim Zuschauen beinahe den Einsatz im Rahmen der AZ-Aktion «Sie wünschen, wir kommen» vergessen könnte. Also, marsch, ab nach hinten in den Kühlraum. Die Schokokugeln müssen nachgefüllt werden.

«Ich habe tatsächlich immer davon geträumt, einen kleinen Laden zu haben», erzählt die 72-Jährige später. In der Rente konnte sie sich diesen Wunsch erfüllen - und zwar in Sankt Mang. Gemeinsam mit ihrem Mann Karl kümmert sie sich (völlig ehrenamtlich und ohne jede Entschädigung) um den Tafelladen des Roten Kreuzes in der Magnusstraße. Dabei geht es um mehr, als Menschen mit geringem Einkommen Lebensmittel für wenig Geld zu verkaufen. Der Laden ist gewissermaßen auch Sozialstation und Treffpunkt für viele, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens zu Hause sind.

Ware wird per Fahrdienst geholt

Während also Maria-Theresia Weiß hinter dem Tresen das Geld kassiert, schmurgeln nebenan bei Ehemann Karl schon Fleischbällchen als Mittagsimbiss in der Pfanne. Schließlich will Karl Weiß verhindern, dass die Tafelladenhelfer am Ende noch vor Hunger umkippen. Wobei man ehrlicherweise zugeben muss, dass echtes Helfen als «Zaungast» für ein paar Stunden nur begrenzt möglich ist. Schließlich geht die Hälfte der Zeit schon dabei verloren, sich nach dem richtigen Platz für die verschiedenen Lebensmittel zu erkundigen.

Maria-Theresia Weiß nickt wissend. «Jaja, es kommen immer wieder Leute, die mithelfen wollen - aber dann vielleicht nur so zwei Stunden. Was wir suchen, sind Menschen, die länger und regelmäßig dabei sind.

» Fünf Tage die Woche hat der Tafelladen - einer von drei in der Stadt - geöffnet. Verkauft wird das, was in den Discountern nicht mehr an den Verbraucher zu bringen ist: Ware am Verfallsdatum, Obst und Gemüse, das nicht mehr so hübsch aussieht - aber noch längst nicht verdorben ist. Per Fahrdienst wird die Ware bei den Discountern abgeholt - «und dann in einem Zwischenlager die drei Tafelläden aufgeteilt», erzählt Silvia Rupp. Sie hilft ehrenamtlich in Sankt Mang und ist außerdem hauptamtlich beim Roten Kreuz beschäftigt. Gegen 10.45 Uhr kommen die Lebensmittel, eine halbe Stunde später öffnet der Laden.

«Das, was schon abgelaufen ist, kommt hier rein», sagt Karl Weiß und rückt die Schachtel zurecht: «Das verschenken wir an alle, die für mindestens einen Euro einkaufen.»

Rupp räumt das Gemüseregal ein. Die Salate kommen rechts hin - «die Gurken können Sie daneben aufreihen.» Oben drüber baut sie die frischen Pilze auf. Larissa Bauer, eine weitere Helferin, stapelt Joghurts in Kühlschränke. Abgepackte Wurst, Milchreis - das Angebot im Tafelladen wechselt täglich.

Plätze werden ausgelost

Während Brot tütenweise in der Auslage kommt, hat sich draußen eine Menschentraube gebildet. «Am Anfang standen die Ersten um halb acht da», berichtet Chefin Weiß. Da habe es oft Streitereien gegeben. Weshalb ein Losverfahren eingeführt wurde. Je fünf Kunden dürfen zeitgleich einkaufen - die Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Ware nach und nach in den Laden kommt und jeder etwas abbekommt.

Die Kunden kommen herein, jetzt geht es Schlag auf Schlag. Gemüse wiegen, Preise aufschreiben, abrechnen. Zum Wechselgeld gibt es für jeden freundliche Worte und ein offenes Ohr. Denn auch darum geht es in diesem Geschäft: Den Kunden das Gefühl zu nehmen, sie seien Menschen zweiter Klasse.

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