Das Mittelalter
Grundsteine des heutigen Allgäus

Das Allgäu ordnet sich. In ganz Europa festigen sich nach der chaotischen Zeit der Völkerwanderung neue Strukturen.

Die Franken gründen in der Region Klöster in Kempten und Ottobeuren. Auch das strategisch wichtige Füssen spielt als Tor zu den Alpen stets eine große Rolle. Die Klöster stellen einen wichtigen Teil der Infrastruktur dar. Zudem helfen die Mönche, die noch immer von dichten Urwäldern bedeckte Gegend zu erschließen.

In dem schwer zugänglichen Land leben damals vor allem Alemannen. Zum Beispiel im Unterallgäuer Ottobeuren: Der im frühen 9. Jahrhundert erstmals niedergeschriebenen Name Uttinburra beinhaltet die Mehrzahl von buri oder puri. Das bedeutet Hütte oder Häuschen.

Der Rest des Wortes bezieht sich auf einen Utto. Das muss ein alemannischer Adliger sein, der schon vor der Gründung des Klosters seinen Sitz hier hat, sagt Pater Rupert Prusinovsky. Er ist für das Archiv im Ottobeurer Kloster verantwortlich und Chef des Heimatdienstes.

Seit Mitte des 8. Jahrhunderts leben Mönche in der Region. In Einklang mit den fränkischen Chefs sollen sie dazu beitragen, dass es dort friedlicher wird. Doch warum ist das notwendig? Zu dieser Zeit wächst das Reich der Franken rasant. Wie im letzten Teil unserer Serie beschrieben, haben sie die Alemannen bereits in entscheidenden Schlachten besiegt. Das Allgäu erreichen sie etwa im Jahr 740.

Sie erobern das Gebiet militärisch und gehen dabei ziemlich grausam vor, sagt Prusinovsky. Einen Gipfel ihrer Brutalität in Süddeutschland stellt 746 das Blutgericht von Canstatt dar. Dabei metzeln die Franken bei einer Versammlung im heutigen Stuttgarter Stadtbezirk große Teile des alemannenischen Adels nieder. Fränkische Edelleute verwalten danach ihre Ländereien.

Die Klöster dienen als Außenposten der neuen Herrscher. Dort sind Spezialhandwerker wie etwa Schreiber, Maler, Glaser, Goldschmiede, Brauer, Bäcker und Käser anzutreffen. Außerdem nutzen die fränkischen Könige sie als Stützpunkte auf dem Weg nach Rom. Denn auch Jahrhunderte nach dem Ende des römischen Imperiums strahlt diese Stadt noch immer Macht und Zivilisation aus. Schließlich sitzt auch der Papst dort, der die neuen Machthaber durch seinen Segen legitimiert.

Die Klöster empfangen Lehen in Form von Land. Dafür mussten sie Unterkunft, Verpflegung und beispielsweise Schmieden für den König und seinen riesigen Tross stellen, erläutert Prusinovsky. Doch Ottobeuren liegt abseits der alten Römerstraße, der noch immer wichtigsten Verkehrsachse von Nord nach Süd. Hier kommt Kempten ins Spiel: Der Abt Audogar gründet das Kloster dort bereits 752. Es dient als wichtiger Stützpunkt, beispielsweise auf der Reise von Augsburg nach Füssen.

Eine prominente Fördererin wird 20 Jahre später Hildegard, die dritte Frau des Frankenkönigs und späteren Kaisers Karl dem Großen. Ohne sie wäre die Entwicklung Kemptens so nie möglich gewesen, sagt Historikerin Birgit Kata vom Stadtarchiv Kempten.

Nach ihren Worten hat Hildegard vermutlich Verwandtschaft in Kempten, was sie dazu bringt, sich gerade dort zu engagieren. Als strategisch intelligent bezeichnet Prusinovsky Karls Hochzeit mit der damals 13-Jährigen. Denn Hildegard hat alemannische und bajuwarische Vorfahren. Durch die Heirat bindet er diese Stämme stärker an sich. Die große Unterstützerin des mittelalterlichen Kemptens stirbt bereits mit 26 Jahren - nach der Geburt ihres zehnten Kindes.

Streitpunkt: Wer war zuerst da?

Um die Gotteshäuser in Kempten und Ottobeuren entwickelt sich in den nun folgenden Jahrhunderten das Leben. Die Entstehung der Städte hängt entscheidend mit den Klöstern zusammen, sagt Kata.

In dem immer besser erschlossenen Gebiet und zunächst unter Einfluss der Welfen (ein ursprünglich fränkisches Adelsgeschlecht) wachsen auch die Siedlungen im heutigen Memmingen und Kaufbeuren. Mit der Blütezeit der Städte wird sich der nächste Teil der Serie befassen. Mit der Zeit entwickelt sich das Kloster Kempten zur größten Macht im Allgäu. Sein Abt führt ab dem 11. Jahrhundert den Fürstentitel.

Das hat Folgen: Mit Ottobeuren streitet es immer wieder darum, wo die Grenze zwischen den riesigen Waldgebieten ihrer Besitztümer verläuft. Um dem jeweils anderen moralisch überlegen zu sein, lassen die Äbte beider Klöster im 12. Jahrhundert Gründungsurkunden fälschen: Sie berufen sich auf Karl den Großen. Demnach bestätigt er die Gründung des Klosters in Kempten im Jahr 774. Ottobeuren genießt laut Urkunde sogar schon seit 769 seine Unterstützung.

Einig sind sich Kata und Prusinovsky darin, dass die Fälscher besser auf die Jahreszahlen hätten achten sollen: Beide Klöster nennen Karl bereits Imperator des Frankenreichs. Dumm nur, dass der Papst ihn erst Weihnachten 800 zum Kaiser weihte.

Autor:

Frank Eberhard aus Kempten

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