Konzert
Grandioses Klavier-Theater von Pianistin Lisa Smirnova in Kempten

'Klimpere nie!' schärfte Robert Schumann seinen Klavierschülern ein. Bei Lisa Smirnova wäre eine Mahnung dieser Art wie Wasser in die Iller getragen. Ihr Klavierspiel ist das genaue Gegenteil lässigen 'Klimperns'. Schon eher befolgt sie intuitiv den Imperativ des Jazz-Häuptlings Duke Ellington: 'Spiele immer, als ginge es um dein Leben!' Bei ihrem Stadttheater-Auftritt in Dr. Trögers Solopiano-Reihe kämpft Lisa Smirnova aber nicht wirklich um ihr Leben. Sie gibt – dem Ort des Geschehens angemessen – grandioses, großes Klavier-Theater.

Das ist durchaus positiv gemeint. Denn was ist Leben, Lebendigkeit, Emotion anderes als mehr oder weniger gut gespieltes Theater? Lisa Smirnova lebt ihre Kunst – für jeden Zuhörer auch sichtbar. Sie wird eins mit ihrer Musik. Ob das Johann Sebastian Bachs Toccaten sind oder Kreneks 'Echoes from Austria (1958) oder Kancelis 'Simple Music for Piano' (2009 veröffentlicht).

Sowohl ihre Programmfolge als auch ihre Spielweise an diesem Abend zeigen es ganz klar: Für Lisa Smirnova existiert Musik nicht in Stil-Schubladen und Epochen-Entwicklungen. Musik ist für sie vielmehr ein einziges, vielgestaltiges Lebens-Elixier – ganz gleich aus welcher Epoche.

Zu Beginn spielt sie Bachs Toccata e-Moll: Zart, fast empfindsam streichelt sie die Tasten, beugt sich darüber, wie eine Mutter über ihr Kind. Richtet sich straff auf, perlt geschwind die Allegro-Fuga dahin, zeigt dem Kind, wo’s lang geht. Fast nahtlos ist der Übergang zu Ernst Kreneks österreichischen 'Echoes' in sieben kurzen Sätzen: dieselbe Spiel-Leidenschaft, dieselbe Lebendigkeit in Mimik und Gestik. Aber musikalisch kaum eine Spur von Bachs strengem Kontrapunkt, keine Fugenkunst.

Beim Allegro-Finale krümmt sich die Pianistin koboldhaft zusammen – streckt sich dann resolut, um mit der Toccata D-Dur wieder in Bachschen Barock a la Smirnova einzutauchen: ausdruckssprühendes Presto, neckisch scherzendes Allegro, seelenvoll erzählendes Adagio, behutsam fließende Fuga.

Nach der Pause dasselbe Spiel: ein zeitgenössisches Werk, eingebettet zwischen zwei Bach-Toccaten (G-Dur und c-Moll). Der Georgier Gija Kanceli hat seine 'Simple Music'-Miniaturen ursprünglich für Filme und Schauspiele geschrieben – sie klingen wie improvisiert. Smirnova setzt sie mit ihren Mitteln wirkungsvoll in Szene. Und abschließend die kunstvoll gefügte Bach-Toccata.

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