Füssen
Grandiose Winderlebnisse

Die «Luftzeichen» als Ur-phänomene, die unbändige Kraft des Sturmes und geisterhaftes Wehen, das dieser Welt entrissen zu sein schien, waren exquisite Hörerlebnisse im Fürstensaal. Mit einer außerordentlich bemerkenswerten künstlerischen Leistung fesselten der Pianist Hatem Nadim und die Mitglieder des Verdi Quartetts ihr zahlreich erschienenes Publikum.

Irrationales auf rationale Art

Stockhausen verlangt in seiner Komposition des «Tierkreises» von den Interpreten die Erarbeitung eigener Versionen. Die Aufforderungen gestalterischer Freiheit nützten die Künstler, um mit der Umsetzung der Melodien der Luftzeichen Zwillinge, Wassermann und Waage irrationale Eindrücke zu vermitteln. Diese wurden auf äußerst rationale Weise erzeugt. Die einfachen Melodien, die auf die begrenzten Möglichkeiten einer Spieluhr zurückgehen, ließen sich mit verschiedenen Bogenstrichen, dem Überstreichen der Saiten im Inneren des Klaviers und durch die Anschläge der Klavierklöppel entwickeln, variieren, zerlegen und übereinander schichten.

Das aufeinander Zugehen aus verschiedenen Raumrichtungen und ein laufender Ventilator steigerten die Vorstellung der sich bewegenden Luft, die in Tönen hörbar wird und auch astrologische Eigenschaften der Kälte assoziieren kann. Die Eröffnung neuer Horizonte war somit bestens geglückt.

Wie ein Magier

Die Qualitäten eines führenden Pianisten in der Kammermusik wurden bei der Aufführung der «Sturmsonate» von Beethoven deutlich. Er steuerte mit sanftem Akkord und weichen Arpeggiofiguren unweigerlich auf das Sforzato zu und die beiden Hände nahmen dann unterschiedliche Aufgaben war.

In einem «Schwarz-Weiß-Spiel» hämmerte die Linke mit Kraft das Hauptmotiv heraus und die Rechte gab mit Vollgas die sich fortlaufend steigernde unruhig brodelnde Bewegung wieder. Die Vorstellung des sturmgepeitschten Meeres fiel nicht schwer. Aus der Elegie mit ihren gespenstischen Zügen im Adagio formte Nadim ein aufblühendes Gebet im idyllischen Gesangsthema. Wie ein Magier zauberte der Künstler den dämonischen Ausdrucksgehalt beim finalen Sturm des großartigen Werkes.

Matthias Ellinger (Violine), und Zoltan Paulich (Cello) boten zusammen mit Hatem Nadim beim «Geistertrio» Beethovens eine große Palette an Klangfarben, kraftvolle Energie und dramatische Stimmungsumschwünge. Pulsierend wurde die düstere Koloristik mit ihrer Fahlheit und der impressionistischen Harmonik im Largo dargestellt.

Unweigerlich breitete sich das Fluidum weltentrückter «geisterhafter» Unwirklichkeit aus. Stärksten Kontrast dazu bildeten die beiden Ecksätze. Leidenschaftlich zelebrierten die Musiker die schon fast sinfonischen Steigerungen im Kopfsatz und begeisterten im fließenden Vorwärtsdrängen beim kraftvollen Finale. Man konnte sich nicht satt hören. Immer wieder mussten die Musiker auf dem Podium erscheinen, bis der Beifall verrauschte.

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