Sonthofen / Oberallgäu
Gezielt nachfragen und die Streithähne ausreden lassen

Die Eltern verstehen sich schon länger nicht mehr, streiten ständig, wollen sich womöglich scheiden lassen. Der Ärger in der Familie überträgt sich auf die Kinder und die wiederum lassen ihren Frust irgendwann an Mitschülern aus. Es kommt zu Streitereien in der Schule. «Genau das habe ich schon öfter erlebt, viele erzählen, dass es daheim Probleme gibt», berichtet Sara, während sie sich einen der Verhandlungsräume im Sonthofer Amtsgericht genauer anschaut. Die 16-Jährige ist eine von 17 Streitschlichtern an der Sonthofer Albert-Schweitzer-Schule. In dieser Woche besuchte die Gruppe mit ihren Lehrerinnen Ulrike Abt und Sandra Tränklein sowie der Schulsozialarbeiterin Annette Schiller-Kaiser das Gericht.

Dort hat Direktor Alfred Reichert jetzt ein neues Projekt ins Leben gerufen. Ab sofort lädt er jugendliche Streitschlichter aller Oberallgäuer Schulen nach Sonthofen ein, um ihnen die Arbeit bei Ge

richt näherzubringen und sich mit

den Jugendlichen auszutauschen. Denn «im Grunde sind wir ja so etwas wie Kollegen», sagt Reichert mit einem Lächeln zur Begrüßung. Der 56-Jährige ist seit Anfang 2008 nicht nur Direktor des Amtsgerichts sondern dort auch als Familienrichter tätig.

In dieser Funktion, erklärt er den Siebt- bis Neuntklässlern, versuche er, möglichst alle Fälle zu schlichten: «Dafür muss man gut vorbereitet sein und möglichst alle Hintergründe und Umstände kennen.» Ziel sei immer, eine gemeinsame, für beide Parteien verträgliche Lö

sung zu finden. Nur im Notfall, sagt

der Richter, fälle er einen Beschluss von oben.

Im Laufe des Rundgangs erklärt Reichert den Jugendlichen auch die Arbeit des Grundbuchamts, zeigt ihnen das Zeugenzimmer und die Arrestzelle für aufmüpfige Besucher oder Gefangene. Auch Fragen zur Richterausbildung beantworten Reichert und sein Referendar Daniel Messmang gerne. Nach dem Plausch aus dem Nähkästchen möchte der Direktor von seinen Gästen wissen: «Und wie geht ihr beim Schlichten vor?» Silvana aus der 7a hebt den Finger und erklärt: «Wir haben dafür klare Regeln.» Zuerst werde geklärt, wie und wann der Streit passiert sei und wer daran beteiligt war. Während ihrer 30-stündigen Streitschlichterschulung hätten sie auch gelernt, die Streithähne immer ausreden zu lassen und ihnen aufmerksam zuzuhören.

«Dann schildern wir den Streit nochmals aus unserer Sicht.» Erst dann werde dabei geholfen, eine Lösung zu finden, die in einer Art Vertrag festgehalten werde. «Das ist sehr gut, denn es gibt immer eine subjektive Wahrheit», lobt Reichert. Jeder empfinde einen Vorgang anders, habe eine andere Beobachtungsgabe. Wichtig sei es, gezielt nachzuhaken, und sich eine gewisse Flexibilität beim Schlichten zu bewahren. Denn nicht selten ergäben sich durch Gespräche neue Fakten, die nicht unter den Tisch fallen dürften.

Doch auch, wenn sich ab und zu erst im Laufe einer Verhandlung Neues ergebe, auf das jeder gute Schlichter eingehen müsse, ist dem Familienrichter wichtig zu betonen: Solch absurde Szenen, wie sie sich teilweise in TV-Gerichtssendungen abspielen, «haben rein gar nichts mit der Realität zu tun.»

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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