Vor 384 Jahren
Gewalt, Hunger und Pest regieren: Der Dreißigjährige Krieg im Allgäu erreicht seinen blutigen Höhepunkt

Die Allgäuer Städte liegen in Schutt und Asche. Kämpfe, Hunger und die Pest haben riesige Teile der Bevölkerung vernichtet. Wer noch lebt, zieht als Flüchtling durch das eigene Land, immer auf der Hut vor marodierenden Soldaten. In den 1630er-Jahren verwüstet der Dreißigjährige Krieg die Region.

Besonders hart trifft es Kempten. Dort stehen sich die Bewohner des katholischen Stifts und der protestantischen Reichsstadt unversöhnlich gegenüber. Nach dem Krieg leben von ehemals rund 6.000 Kemptener Reichsstädtern nur noch 900.

Schuld ist ein bis dahin beispielloses Schlachten der europäischen Völker auf deutschem Boden. Doch bedeutet der Dreißigjährige Krieg nicht automatisch, dass zwischen 1618 und 1648 immer und überall gekämpft wird, sagt Birgit Kata vom Stadtarchiv Kempten.

Drei Dekaden lang ziehen immer wieder Truppen durch das Allgäu und richten Schäden an, selbst wenn es nicht direkt zu Kämpfen kommt. Zudem leert der Krieg die Kassen der Allgäuer Städte. Bevor die Kämpfe die Region verwüsten, quartiert der Kaiser Truppen bei ihnen ein. Die Reichsstädte müssen diese bezahlen und verpflegen.

Im Allgäu tobt der Krieg vor allem in den 1630er-Jahren heftig, sagt Kata. In dieser Zeit liefern sich schwedische und kaiserliche Truppen viele Kämpfe. In ihren Heeren finden sich Söldner aus ganz Europa, was die Lage wirr und undurchsichtig gestaltet. Wer ist Freund und wer Feind?

Es geht nicht um den persönlichen Glauben, sondern darum, auf welcher Seite man steht, sagt Kata. Die Soldaten plündern auch mit ihnen verbündete Städte. Dabei nehmen sie sich was sie brauchen, um überleben und weiterhin Krieg führen zu können. Die Bevölkerung hungert und geht an Krankheiten zugrunde.

Die Schweden kommen

Im März 1632 nähern sich protestantische schwedische Soldaten dem Allgäu. Es herrscht Panik. Vor allem Katholiken fliehen, wenn sie können, in die Schweiz, nach Vorarlberg oder Tirol. Unter ihnen befindet sich im April auch der Kemptener Fürstabt.

Wie in vielen anderen Klöstern, versuchen auch die Kemptener Stiftsherrn den Klosterbesitz in Sicherheit zu bringen. Doch ein Schiff mit Kostbarkeiten geht angeblich auf dem Bodensee unter. Am Wahrheitsgehalt vieler Geschichten über den Dreißigjährigen Krieg gibt es Zweifel. Kein Ereignis hat sich stärker ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und liefert so viel Stoff für Mythen und Sagen.

Fakt ist jedoch, dass die Schweden von Allgäuer Orten und Städten Schutzgeld fordern: Wer zahlt, steht unter dem schwedischen Schutz und Schirm. Wer sich weigert, den wollen die Eroberer aus dem Norden mit Feuer und Schwert vom Erdboden tilgen.

Die Lage in Kempten verdüstert sich weiter, als 1.000 schwedische Fußsoldaten und 50 Reiter am 14. April 1632 Memmingen besetzen. Am gleichen Tag stürmen und plündern schwedische Truppen das Schloss in Grönenbach. Was mit den Leichen der Verteidiger geschieht, steht symbolhaft für den Dreißigjährigen Krieg und seine humanitäre Katastrophe: Die Eroberer werfen sie in die Zisterne des Schlossbrunnens, um das Wasser zu verseuchen.

Von Memmingen aus verhandeln die Schweden mit Abgesandten aus der ganzen Region. Auch das Kemptener Stift erhält noch ein Friedensangebot mit einer Schutzgeldforderung, das der Fürstabt allerdings von seinem Exil in Bregenz aus abschlägt.

Das zieht fürchterliche Konsequenzen nach sich. Bis Monatsende besetzen die Schweden viele Orte im Umland Kemptens. Im Westallgäu toben erbitterte Kämpfe. Orte wie Leutkirch, Weitnau und Wangen wechseln mehrfach den Besitzer. Schwedische wie kaiserliche Truppen zünden Dörfer, Burgen und Brücken an.

Durch Erfolge der kaiserlichen Truppen ermutigt, formiert sich bei Dietmannsried Widerstand, den die Schweden bald vernichten. Am 23. Mai ziehen 1.500 Schweden unter Jubel in der Reichsstadt Kempten ein. Obwohl der Rat der Stadt seinen Bürgern verbietet, das Kloster gemeinsam mit den Schweden zu plündern, kommt es zu anarchischen Szenen: Reichsstädter zerstören in der Klosterkirche Bilder und Altäre und nehmen mit, was die Schweden übrig lassen.

Unter den Plünderern finden sich auch Bauern des Stifts. Doch werden diese auch Opfer der neuen Macht im Land: Mithilfe von vermummten Kemptenern ziehen die Soldaten über das Land des Stifts, wo sie Bauern foltern und ausrauben. Das Ausmaß der Gräuel können Menschen im Frieden kaum nachvollziehen.

Diese Episode ist nur ein Beispiel für einen Krieg, der stetig mehr Gewalt entfesselt. Im August 1632 zerstören die Stadtbürger das Stift endgültig - auf Beschluss ihrer Räte. Nachdem die Schweden ihre Armee nach Norden abziehen, um dort gegen den kaiserlichen Feldherrn Wallenstein zu kämpfen, wendet sich das Blatt abermals.

Kaiserliche Truppen bedrohen Bauern auf dem Land, sodass diese der Stadt Kempten weniger Lebensmittel liefern. Im Januar belagern und erobern 20.000 kaiserliche Soldaten Kempten und ermorden in der einsetzenden Panik hunderte von Bürgern. Die Stadt brennt. Einer der Angreifer beschreibt die Situation mit den Worten: Es wird alles niedergehauen, Gott verleihe uns weiter Gnade!

In der ganzen Region gewinnen die Truppen des Kaisers wieder die Oberhand. Sie gehen grausam gegen die Bevölkerung vor. Ein Unbekannter schreibt damals: Jetzt hat unser Allgäu den Garaus bekommen - sie haben alles aufgefressen und verderbt. Das Allgäu hungert aus.

Schweden und Kaiserliche haben nur wenig Lust, sich gegenseitig zu bekämpfen. Es ist für sie mit weniger Risiko verbunden, gegen die mehr oder weniger wehrlosen Bauern vorzugehen, heißt es in der Allgäuer Chronik von Alfred Weitnauer. Als Beispiel für das barbarische Durcheinander dient ein weiteres Mal das Dorf Grönenbach: Im Mai 1633 brennen Soldaten es nieder - doch niemand weiß, welcher Seite diese angehören.

Im März 1634 überrumpeln die Schweden bei Nacht die kaiserliche Besatzung in Kempten. Viele der besiegten kaiserlichen Soldaten wechseln daraufhin die Seite - das geschieht mit Fortschreiten des Kriegs immer häufiger. Mitte des Jahres leben in Kempten nur noch 476 Bürger und 70 Witwen. Hinzu kommen 700 Flüchtlinge vom Land und 347 Soldaten.

Krieg findet keine Nahrung mehr

Zwar zieht ein Großteil der Schweden nach einer entscheidenden Niederlage bei Nördlingen (Kreis Donau-Ries) im September 1634 wieder aus dem Allgäu ab. Doch der Krieg und mit ihm Pest und Hunger wüten weitere 14 Jahre.

1648 erlischt der Dreißigjährige Krieg wie ein Feuer, das nichts mehr hat, das es verzehren kann. Ganze Landstriche im Allgäu sind menschenleer. Wer überlebt, ist mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Der Friedensschluss brachte große Erleichterung, sagt Kata.

Als Wirtschaftsprogramm sondergleichen bezeichnet sie eine Entscheidung des seit 1639 amtierenden Fürstabts Roman Giel von Gielsberg: Er lässt ab 1650 das Stift in Kempten - am Ort der Gründung - wieder aufbauen. Damit zieht er Handwerker ins Stiftsgebiet, die leer stehende Höfe übernehmen. Diesem Wirtschaftsboom hinkt die Reichsstadt lange hinterher, was auch Neid weckt.

Die Geschichte Kemptens wurde über Jahrhundert nur aus Sicht der Reichsstadt erzählt, sagt Kata. Deshalb werden die Fürstäbte meist sehr negativ dargestellt. Obwohl die Überlebenden wieder friedlich zusammenleben, hat der Krieg tiefe Wunden geschlagen.

Autor:

Frank Eberhard aus Kempten

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