Kempten
Geschichten der Hoffnung und Gedanken zum Tod

Fast ist der Windhauch zu spüren. Wie er leicht über das Gras streicht und die feinen Halme biegt. Nur drei Worte beschreiben das Foto, das säuberlich auf eine weiße linke Buchseite geklebt ist: «Dein gebliebter Garten». Rechts davon: noch ein Foto. Es zeigt das Gesicht eines alten Mannes, von Falten durchzogen, als hätten sich die Jahre und Erfahrungen selbst in seine Haut eingeprägt. Im August 2008 ist er gestorben.

Das Buch, das auf zwei Seiten von den letzten Tagen des 79-Jährigen berichtet, liegt auf einem Tisch in einem gelben Haus in der Madlenerstraße. In acht dicken Büchern haben all jene einen Eintrag bekommen, die seit der Eröffnung des Allgäu Hospizes 2003 auf ihrem letzten Weg begleitet wurden. 650 Namen sind so inzwischen verzeichnet, 650 Lebensgeschichten, 650 einzelne Schicksale - und 650 Tode. Liebevoll streicht Hospizleiterin Gerda Gerlach über die Seiten in den «Gästebüchern», wie sie im Hospiz genannt werden. «Es sind doch eher die schönen Erinnerungen, die einem beim Blättern wieder vor Augen stehen», sagt sie dann. Zum Beispiel an dieses eine Weihnachten, als die ganze Familie einer Schwerstkranken ins Hospiz kam. «Da wurde gekocht und einfach schön zusammen Heiligabend gefeiert», erzählt sie und auf ihren Lippen steht ein leichtes Lächeln.

Einige Seiten weiter zeigen alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen eine Theaterbühne und eine hübsche junge Frau. Daneben einige Goethe-Zitate. Die Hospizleiterin nickt. «Ja, sie war Schauspielerin», sagt sie. Der Eintrag ist einer von wenigen, die von den Sterbenden selbst gestaltet wurden. «Eigentlich machen das nach dem Tod die Angehörigen», erzählt Gerlach. Nicht immer gleich - die Kraft dazu würden viele erst nach Wochen oder gar Monaten aufbringen. «Die Bücher helfen dann dabei, sich die Gedanken und die Trauer von der Seele zu schreiben», meint die Hospizleiterin. Bilder, Zeichnungen, Zitate, Dankesworte ans Hospizpersonal oder persönliche Zeilen - die Einträge sind so unterschiedlich wie die Menschen, von denen sie berichten.

Es bleibt etwas zurück

Davon, dass nach dem Tod geliebter Menschen immer etwas zurückbleibt, erzählen zwei Seiten aus dem Jahr 2008. An einem Donnerstagabend im Oktober ist die 82-Jährige gestorben. Nach 59 Jahren, drei Monaten und sieben Tagen Ehe, erzählt ihr Mann. Und die Tränen stehen ihm in den Augen, als sein Blick in die Ecke über dem Tisch im Esszimmer geht, wo das Bild seiner Frau hängt. «Wir waren so ein Team, wir haben alles zusammen gemacht», erzählt der 85-Jährige. Trotz der Tränen blitzen seine Augen bei der Erinnerung an viele gemeinsame Jahre.

Nachher wird er seine Frau wieder besuchen gehen, drüben auf dem katholischen Friedhof, wird das kleine Flecklein Erde herrichten und Blumen niederlegen. «Damit für Sonntag alles schön ist», sagt er, für Allerheiligen. Über ein Jahr ist seit dem Tod seiner Frau vergangen - nicht genug, um alle Wunden zu heilen. «Es fehlt eben ein Teil von mir», sagt der 85-Jährige.

Unterdessen blickt Hospizleiterin Gerda Gerlach von Gästebuch Nummer acht auf. Eingeklebte Rosenblätter sind zu sehen und große rote Herzen. Die Poesie des Todes - sie kann auch Geschichten der Hoffnung erzählen. Der erst wenige Monate alte Eintrag berichtet davon, wie ein Sterbender in seinen letzten Wochen noch die Liebe seines Lebens fand.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen