Kempten
Geschichte für alle Sinne

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Eigentlich hätte alles ganz anders laufen sollen. Eine kurze archäologische Bestandsaufnahme, danach Leitungen verlegen, pflastern, fertig. Doch dann, mitten in der Umgestaltung des historischen St.-Mang-Platzes in Kempten, geschah es: Neben den zu erwartenden Skeletten stießen die Ausgräber auf dem einstigen Gottesacker unvermittelt auf die Ruinen einer mittelalterlichen Kapelle. Eine, die mit ihrer wechselvollen Geschichte als zunächst katholische Gruft und später als Trinkstube des protestantischen Stadtrats Sinnbild ist für die Vergangenheit der einst geteilten ältesten Stadt Deutschlands.

Und so wurde das, was als gewöhnliche Tiefbaumaßnahme begonnen hatte, zu einem einzigartigen Museumsprojekt: Seit vergangenem Juli entsteht der unterirdische Schauraum Erasmuskapelle. «So etwas gibt es in der gesamten Region nicht», sagt Kemptens Stadtarchäologe Dr. Gerhard Weber über das 1,4-Millionen-Euro-Projekt. Dessen Anspruch ist es, Geschichte an geschichtsträchtigem Ort wiedererstehen lassen - mit Hilfe von Licht, Ton, Film und Beton.

Wer die Kemptener Geschichte ergründen will, muss tief eindringen in die Eingeweide der Stadt. Über eine Treppe geht es drei Meter in den Untergrund. Mystisches Dämmerlicht soll die Besucher begleiten, die gleichsam eine Reise in die Vergangenheit antreten. Unten angekommen erstreckt sich der Schauraum, der mit seinen 85 Quadratmetern ungefähr so groß ist wie eine Dreizimmerwohnung.

Mauern als äußerer Rahmen

Äußerer Rahmen sind die Mauerreste der einstigen Doppelkapelle Erasmus und Michael. Im Raum dazwischen - der bis auf eine einzelne Säule und ein Pult mit Fundstücken leer bleiben soll - werden sich die Besucher bewegen. Sie sollen vor allem dem lauschen, was aus versteckten Lautsprechern kommen wird: der Stimme eines Erzählers. Wände und Decke werden zu Projektionsflächen für Filme, Bilder, Schrift. Und für das Flammenmeer, das für einen verheerenden Brand im 14. Jahrhundert steht, heute jedoch von moderner Lichttechnik erzeugt wird.

Wer derzeit an der Baustelle zu Füßen der evangelischen St.-Mang-Kirche vorbeikommt, ahnt nicht, welche Diskussionen dem Projekt vorausgegangen waren. Denn es war anfangs überhaupt nicht klar, ob Kempten diese Investition schultern würde. Ein 1,4-Millionen-Euro-Schauraum mit Zuschüssen unbekannter Höhe vom Landesdenkmalamt und durch das Konjunkturprogramm stand gegen 350 000 Euro für das Konservieren und Verfüllen der Funde.

Mehrere Monate wurde diskutiert. Schließlich sprachen sich immer mehr Bürger für den Erhalt der Ruinen aus. Nicht wenige fühlten sich erinnert an eine ähnliche Diskussion 20 Jahre zuvor.

Auch oben auf dem Lindenberg, wo heute die überdachten Kleinen Thermen des Archäologischen Parks Cambodunum (APC) zum wichtigsten historischen Pfund der Stadt gehören, hätte man beinahe alle Funde zugeschüttet.

Über Museen diskutiert

Damals wie heute siegte jedoch Geschichtsbewusstsein über finanzielle Bedenken. Zumal die Diskussion um den Schauraum zeitlich zusammentraf mit den Überlegungen für eine grundsätzliche Neuordnung der Kemptener Museen. Authentische Orte und Geschichte für alle Sinne - in diese Grundidee fügte sich der Schauraum gut ein.

Im März 2009 traf der Stadtrat schließlich seine Entscheidung. Seither haben gewaltige Arbeiten stattgefunden. Alle Fundamente wurden mit Beton unterfangen, Bohrpfähle tragen die tonnenschwere Decke, ein 3,50 Meter hoher Glasschacht überdacht den Abgang. Zeitweilig war der gesamte St.-Mang-Platz mit Kies verfüllt, um die Mauern vor Erschütterungen zu schützen. In einem Lagerraum stapeln sich in kaum überschaubarer Zahl Bananenkisten mit den geborgenen Gebeinen. Mitte September wird der Schauraum eröffnet.

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