Füssen
«Geschenke waren nicht so wichtig»

Plantagentanne und Cola-Truck, X-Mas-Party und Last-Minute-Geschenk: Karolina Hanauer kann angesichts moderner Weihnachts-Marotten nur mit den Schultern zucken. Die 98-jährige Füssenerin, vielen als «Sonnen-Wirtin» bekannt, wuchs in einer «notigen» Zeit auf. «Gemessen an vielen anderen, etwa den Arbeitern in der Textilfabrik, ging es uns recht gut», betont sie. Und dennoch verteilte das Christkind Anfang des vorigen Jahrhunderts nur bescheidene Gaben.

«Es gab Wollstrümpfe, Laible, Obst und vielleicht mal ein ein Kleid für die Puppe», erinnert sich die agile Seniorin. «Die Strümpf ham zwickt und gmuffelt - aber des hat koin gstört.» Denn Geschenke seien damals nicht so wichtig gewesen. «Der Glaube stand an erster Stelle.» Überhaupt Weihnachten: «Diese Zeit war für uns alle etwas Besonderes, schon Wochen vorher haben wir uns auf diesen Tag gefreut.»

Noch heute hat die hellwache Frau den Duft der Tannenzweige in der Nase, die ihre Mutter Anna im Advent im ganzen Gasthaus verteilte. Im Haus wurde viel gebacken und gestrickt, vor allem vom Personal des Gasthofs am heutigen Kaiser-Maximilian-Platz - wobei die Wolle für die Socken die beiden Schafe der Familie lieferten. Lieder und Gedichte für Heiligabend sorgsam einstudieren, auch das gehörte zu den Vorbereitungen aufs Fest.

Weil es damals undenkbar war, Geld für weihnachtliche Gaben auszugeben, bastelten die Kinder mit viel Fleiß kleine Präsente für die Eltern. «Aus der Druckerei gegenüber haben wir uns Papierstreifen erbettelt und daraus Körble oder Teller gemacht», weiß Karolina Hanauer noch gut. Auch Leinen und Nüsse wurden kunstvoll verziert.» Die Anregungen für die Handarbeiten brachten die Kinder aus der Schule mit, in der damals 64 Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse gemeinsam unterrichtet wurden. Dort war das Fest ständig präsent - vor allem der Glaube wurde geschult. Aus gutem Grund: «Weihnachten war damals ein religiöses Erlebnis. Man hat es mit dem Herzen erlebt und war erfüllt vom Jesuskind.» Dass heute vielfach das Materielle im Vordergrund steht, enttäuscht die 98-Jährige.

Und die Bescherung? Nach einem gemeinsamen Essen mit dem Personal war in der Gaststube ein Glöckchen zu hören. In einem Fremdenzimmer wurden dann - nach Liedern und Gedichten - die Geschenke ausgepackt, die unter dem im Wasenmoos geschlagenen Baum lagen. An die abschließende Mette in St. Mang kann sich Karolina Hanauer noch gut erinnern: «Mei, war des oft kalt. Und müd war mehr auch immer.» Dennoch sei die Messe ein Erlebnis gewesen. Und weil die Beine sie heute nicht mehr bis zur Stadtpfarrkirche tragen, schaut sich die 98-Jährige an Heiligabend um Mitternacht im Fernsehen die Messe im Petersdom in Rom an. «Ohne die wäre es für mich kein richtiges Weihnachten.»

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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