Oberstdorf
Gerhard Richters Spiele mit Wahrnehmung und Wirklichkeit

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Was steckt hinter den Bildern, die wir uns von der Welt machen? Das Schwarz-Weiß-Portrait der britischen Königin Elizabeth II. zerfällt in viele einzelne Punkte vor weißem Hintergrund. So wie Gerhard Richter in diesem Werk von 1966 mit dem Zeitungsdruck spielt, dessen technische Zusammensetzung sichtbar macht und zugleich ein Alltagsprodukt zu einer philosophischen Fragestellung nutzt, will man Wolfgang Schoppmanns Feststellung über einen der gefragtesten deutschen Künstler der Gegenwart kaum glauben: «Richter wollte nie große Kunst machen», sagt der Kurator der Sammlung Thomas Olbricht aus Essen und bezieht sich dabei auf die drucktechnischen Arbeiten.

Eine Auswahl der Editionen aus den Jahren 1965 bis 2008 ist ab kommendem Samstag unter dem Motto «Wege in der Gegenwart» im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss zu sehen. Die Idee dazu hatte der Oberstdorfer Kunsthändler John Patrick Kohl, der alljährlich eine hochkarätige Ausstellung in der Villa Jauss kuratiert. Ihm war es gelungen, über seinen guten Freund Wolfgang Schoppmann Leihgaben aus der Kunstsammlung Olbricht, einer der größten Europas, für Oberstdorf zu erhalten. Der Rest der Exponate stammt aus anderem Privatbesitz.

Noch stehen Bilder wie «Elizabeth II.» auf dem Boden der Ausstellungsräume. Doch die richtige Wand für die Präsentation hat Wolfgang Schoppmann zusammen mit Wilhelm Geierstanger von der Initiative Villa Jauss schon weitgehend gefunden.

Und so bleibt Zeit, über die Werke, ihre Fertigung und ihre Idee zu reden. Kurator Schoppmann kennt Richter und weiß, dass gerade das vielgestaltige Editionenwerk das Spiel- und Experimentierfeld des Künstlers ist. Den zum Teil sehr gegensätzlichen Arbeiten gemeinsam ist stets die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Schicht über Sicht aufgetragen

So präsentiert Richter 1971 «Kanarische Landschaften» in der alten Technik der Heliogravüre und umgibt die unberührte Natur mit der Aura des längst Vergangenen. Oder er überzieht 1989 die romantische Fotografie einer brennenden Kerze mit schwarzer Farbe, so dass das ursprüngliche Motiv nur noch wie durch eine Jalousie oder einen Schleier zu erkennen ist.

Gänzlich verschleiert erscheinen bei solchen Arbeiten oftmals die Produktionsmechanismen: Fotografien erhalten den Anschein von Gemälden und Gemälde werden abfotografiert, diese Aufnahmen erneut überarbeitet und wieder abgelichtet. Gemälde entstehen, indem Schicht über Schicht aufgetragen und dann mit dem Rakel darübergefahren wird.

«Er weiß nie, was daraus wird», skizziert Schoppmann den Entstehungsprozess der Werke. Richter vermeide aber konsequent den «gestischen Duktus des Künstlers», ziele nicht auf eine persönliche, genialische Handschrift. Trotzdem glaubt man gerade diese etwa in den «Schweizer Alpen» von 1969 zu finden, die wie in einer Detailaufnahme die Landschaftsstruktur auf ein strenges grafisches und doch plastisches Muster verknappt. Die fünfteilige Serie entstand als Siebdruck.

In Richters drucktechnischem Werk finden sich nur industrielle Herstellungsverfahren. Denn er wollte mit seinen Arbeiten leicht erschwingliche Kunst für die Menschen, für die Massen, produzieren, erläutert Schoppmann. Ironie des Schicksals: Heute werden selbst solche Arbeiten, die einst nur ein paar Mark kosteten, weil der Künstler damals noch ein Unbekannter war, zu hohen Preisen gehandelt. Auch darin spiegelt sich eine unterschiedliche Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Öffnungszeiten: 18. Juli bis 4. Oktober jeweils donnerstags bis sonntags von 15 bis 18 Uhr. Vernissage ist am Freitag, 17. Juli, um 19 Uhr.

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