Kabarett
Gerhard Polt zeigt in Betzigau und Kempten, dass es in der staden Zeit alles andere als still zugeht

Es ist wieder soweit. Ein Feldzug steht an. 'Wenn der Kormoran sich an keine Vereinbarung hält, dann sage ich heute: Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen', schreit der erboste Fischereiverbandsvorsitzende hinaus. Bei so einem bedeutungsvollen und im zweiten Teil historisch belasteten Satz bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Gerhard Polt, der große bayerische Kabarettist, hat diesen Satz am Ende seines Auftritts im ausverkauften Stadttheater gestellt. Und wie er ihn hinausschreit, so wild entschlossen und böse, das ist zum Fürchten - und zum Lachen.

Groß ist sie, die Kunst des Gerhard Polt. Sprachlich wie schauspielerisch. Für den 69-Jährigen liegt im Alltag der Schrecken begraben. Und so seziert er unermüdlich vertraute Szenen und deckt menschliche Unzulänglichkeiten auf. Und immer schimmert die Zerrissenheit der bayerischen Seele durch. Egal ob vom Dorf oder aus der Stadt – seine Figuren sind zwiegespaltene Menschen.

Sie sind Spießer und auch Anarchisten, wissen alles besser und dabei doch rein gar nichts, sind unverbesserliche Egozentriker und überzeugte Familienmenschen. Und wenn sie fliegen wollen, dann gehen diese Figuren ins Wirtshaus. Und mit jeder Halben wird das Leben leichter, freier, und irgendwie auch klarer. Doch am Ende siegt immer eines: die Erdanziehungskraft.

Polt schaut dem Volk nicht nur aufs Maul. Er ist auch ein begnadeter Dramaturg. Er setzt zum Sprechen an, lacht, kratzt sich am Ohr, es folgt wieder ein Halbsatz, ein Kichern, ein Satzbrocken – es dauert, bis die Zuhörer wissen, worum es eigentlich geht. Doch dann unmerklich verdichtet er das Ganze, alles spitzt sich zu. Und dann erschrickt man – über sein eigenes Lachen.

Wo Polt auftritt, da sind die Säle voll. 400 Besucher erlebten ihn am Sonntagvormittag bei einer Solo-Matinee im Bürgerzentrum in Betzigau. Abends trat er vor 550 Besucher mit den Well-Kindern in Kempten auf. Beide Male standen jahreszeitgemäß adventliche und weihnachtliche Geschichten im Mittelpunkt. Und wer Polt kennt, weiß, dass es da nicht zimperlich und gewiss nicht 'stad' zugehen konnte.

Weil, der Papa muss am Heilig Abend noch zum 'Atzinger' auf ein paar Halbe und wird natürlich zum 'Rauschgoldengel', den die Kinder vor der Tür finden. 'Es dauert manchmal doch geraume Zeit, bis man erkennt, dass der Nikolaus kein Heiliger, sondern ein Mensch und der Krampus ein Arschloch ist – aber ganz bestimmt kein Dämon!

Die Angst vor jenen Herren ist ein Stück guter alter Tradition und auch die Wirkung dieser Angst, die Generationen von Bettnässern erzeugte', sinniert Polt. Dann geht es um schwarzarbeitende Nikoläuse, albanische Krampusse, 'Jingle Gebell'.

Dazwischen setzen die Well-Kinder Marisa (Geige, Gesang), Matthias (Geige), Maximilian (Akkordeon), Maria (Cello, Gesang) sowie Michael Well von den Biermösl Blosn (Tuba) stubenmusikalische Akzente. Und so verfliegt die Zeit wie im Flug. Auch dazu hat sich Polt im Stile Karl Valentins Gedanken gemacht. 'Ich hab die Zeit erwischt, hab sie totgeschlagen. Zum Butterbrot schmieren hab ich drei Stunden gebraucht.' Sauber. Applaus!

Polt tritt am 22. April (19 Uhr) im Kaminwerk Memmingen auf ('Circus Maximus'). Karten: 08331/850-172.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by Gogol Publishing 2002-2020