Kempten / Whistler
Gerd Gradwohl will wieder Gold

Es ist eine Fahrt ins Ungewisse. Der Nebel und der Schneefall in Whistler, die schwierige Piste, nur eine einzige Trainingseinheit auf der paralympischen Abfahrtsstrecke, das Bein, das sich Gerd Gradwohl (50) aus Kempten im Sommertraining gebrochen hat - der sehbehinderte Skirennläufer kann die vielen Faktoren vor der ersten Medaillen-Entscheidung am heutigen Samstag nicht so recht einschätzen. «Alles ist möglich», sagt Gradwohl, der vor vier Jahren bei den Weltbehindertenspielen in Turin im Abfahrtslauf Gold gewonnen hatte.

«Ich bin ein Wettkampftyp»

Bei den Weltcup-Rennen in Aspen, der Paralympics-Generalprobe, vergangene Woche, hatte er immerhin im Super G mit Platz drei angedeutet, dass er in den Speed-Disziplinen aufs Treppchen fahren kann - wenn alles passt. «Manchmal gelingt es mir, einen guten Lauf rauszuhauen», meint Gradwohl. «Und dann wieder schau ich einfach nur blöd aus der Wäsche.» Der Trainingsrückstand sei einfach groß, fügt der Rennläufer mit einem Restsehvermögen von 3,5 Prozent hinzu. Bei der ersten Trainingsfahrt in Whistler, als Gradwohl nur die sechstbeste Zeit fuhr, war die lange Pause deutlich zu spüren. «Aber ich bin erfahren und ein Wettkampftyp», macht Gradwohl sich Mut.

Trotz aller Anspannung versucht Deutschlands einziger sehbehinderter Skirennläufer die paralympische Atmosphäre aufzusaugen. Gradwohl ist begeistert von den Kanadiern. «Die Leute hier sind richtig gut drauf und unwahrscheinlich freundlich.» Dass die Athletenunterkünfte sehr spartanisch eingerichtet sind, lässt Gradwohl kalt. «Wir haben keinen Schrank, nur Kleiderhaken», erzählt er. Mit «wir» meint er sich und seinen Begleitläufer Karl-Heinz Vachenauer aus Bergen (Oberbayern). Die Beiden teilen sich während der Paralympics ein gerade mal zwölf Quadratmeter großes Appartement.

Größer könnte dagegen ruhig das Medieninteresse sein, findet Gerd Gradwohl. Zwar seien einige deutsche Journalisten nach Kanada gereist. «Aber die stürzen sich alle auf Gerd Schönfelder und Martin Braxenthaler.» Gradwohl gönnt den Stars des deutschen Ski alpin Paralympic-Teams - Schönfelder hat nur einen Arm, Braxenthaler ist querschnittsgelähmt - das Rampenlicht. «Aber es wäre klasse, wenn sich die Journalisten auch um die Sehbehinderten kümmern würden», klagt Gradwohl und fügt hinzu, dass es ihm nicht um sein Ego, sondern um den Sehbehindertensport an sich gehe. «Wir haben in Deutschland im Bereich Ski alpin ein Nachwuchsproblem bei den Sehbehinderten. Ich müsste Gold gewinnen, dann wäre die Aufmerksamkeit da.»

Dass er im Erfolgsfall 4500 Euro bekäme, während ein nichtbehinderter Olympiasieger 15.000 Euro als Prämie kassierte, hat Gradwohl gar nicht gewusst. «Jetzt vor dem Rennen spielt das für mich auch keine Rolle», sagt er. «Ich will heute beim Abfahrtslauf und morgen im Super G alles geben. Eine Medaille wäre zum Abschluss meiner Karriere ein Traum.»

Das Programm der Paralympics finden Sie im «Allgäu Sport».

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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