Genie und Wahnsinn

Von Rosemarie Schwesinger | Immenstadt Man hatte sie einst 'verschlungen', Stefan Zweigs letzte abgeschlossene Prosadichtung 'Schachnovelle'. Damit hatte er kurz vor seinem Selbstmord im brasilianischen Exil 1942 die Brutalität der faschistischen Regime auf der Welt angeprangert. 60 Jahre später schuf der österreichische Autor Helmut Peschina eine außerordentlich geglückte Bühnenfassung. Das Theaterstück sorgte jetzt in einer perfekten und preisgekrönten Inszenierung von Frank Matthus (Euro-Studio Landgraf) im Immenstädter Hofgarten für Furore.

Der Abend wurde ein Theaterereignis der Superlative: intellektuell, emotional, psychologisch und fesselnd bis zum letzten der 18 Bilder! Karel Spanhak hatte das aufwändige stimmige Bühnenbild geschaffen (ein Passagierdampfer auf der Reise von New York nach Buenos Aires), das ohne störende Umbauten zwischenzeitlich den Rückblick in eine Gestapo-Zelle erlaubte.

Recht unterschiedliche Gestalten sind an Bord: der besonnene Dr. Hartl nebst Ehefrau Mathilde (von Franz Mey und Claudia Buser, die später noch als Ärztin entscheidend mitmischt, gut getroffen), ein Hofrat (alias Walter Holub) und der selbstgefällige reiche Industrielle McConnor, den Eckhard Becker pointiert verkörperte. Wie ein Lauffeuer hatte sich an Bord die Nachricht von der Anwesenheit des amtierenden Schach-Weltmeisters Mirko Czentovic verbreitet.

Remis erzwungen

Diesen Part des ebenso primitiven wie arroganten, anaphabetischen 'Schachroboters' mimte Daniel Pietzuch mit stoischer Akribie. Gegen sattes Honorar kann McConnor den Schach-Weltmeister zu einer Partie 'alle gegen einen' gewinnen. Er geht hoffnungslos unter, bis ein Unbekannter - Dr. Bertram - eingreift und ein Remis erzielt.

Eigentlich beginnt das Stück erst jetzt, mit dem Auftritt dieses Dr. Bertram und dessen atemberaubender Verkörperung durch Siemen Rühaak! In Zeitblenden erzählt er seine persönliche Schachspiel-Begegnung, die ihm einst in unmenschlicher Isolierhaft das Überleben gesichert hatte. Als Vermögensverwalter großer Klöster war er von der Gestapo verhaftet und hermetisch von der Außenwelt abgeschnitten worden.

Nervlich zermürbt durch diese 'völlig raum- und zeitlose Leere' droht seine Widerstandskraft zu zerbrechen, bis er ein Schachbuch stiehlt, monatelang 150 Meisterpartien blind durchspielt und sich so vor geistiger Aushöhlung bewahrt. Sein Wärter, das 'Mondgesicht' (perfekt perfide von Harald P. Wieszorek in Szene gesetzt) ahnt zunächst nichts. Der Titelheld der 'Schachnovelle' aber verfällt in geistige Schizophrenie. Das dadurch verursachte Nervenfieber bewirkt schließlich die Haftentlassung.

Mit bestechender sprachlicher Eloquenz (wie das präzise Zitieren klassischer Reime) und grandioser schauspielerischer Gestaltung lässt Hauptdarsteller Rühaak diesen sensiblen Drahtseilakt zwischen Genie und Wahnsinn transparent werden. So gewinnt er die erste Partie gegen den eiskalt operierenden, 'Schach-Weltmeister'. Doch dann verliert er sich selbst bei der verhängnisvollen Revanche im 'Schachvergiftungs-Nirwana'.

Laute Bravo-Rufe gab es zum Schluss und anhaltende stehende Ovationen für den herausragenden Hauptdarsteller und die gesamte Ensemble-Leistung.

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