Justizvollzugsanstalt
Gefangene absolvieren externen Hauptschulabschluss mit Qualifizierung zum Fachlageristen

Es ist Prüfungstag. Sieben junge Männer sitzen vor ihren Matheaufgaben, rechnen und grübeln. Ihr Blick aus dem Fenster fällt auf einen Apfelbaum. Dahinter ragt ein viereinhalb Meter hoher, mit Stacheldraht versehener Sicherheitszaun vor einer massiven, mindestens sechs Meter hohen Betonmauer in den Sommerhimmel.

Dort wo sie Ende Juli ihren externen Hauptschulabschluss geschrieben haben, erhielten fünf Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Kempten (JVA) diese Woche ihre Zeugnisse. Es ist das Ergebnis einer neuen Bildungsinitiative in der Kemptener JVA.

Sieben Insassen zwischen 19 und 39 Jahren büffelten hinter den Betonmauern für den Hauptschulabschluss, an den eine Qualifizierung als Fachlagerist gekoppelt ist. Für die Qualifikation gesellten sich zwei weitere Häftlinge zu den Lernenden. Diese haben alle neun geschafft, den zusätzlichen Führerschein für den Gabelstapler haben acht Häftlinge erhalten.

<< Draußen habe ich mich total gehen lassen >>, sagt ein 19-jähriger Gefängnisinsasse, der wegen mehrerer Einbrüche sitzt. Früher habe er die Schule meist geschwänzt, berichtet er. Daran sollte sich etwas ändern. << Ich habe mir ein Herz gefasst und wollte es durchziehen >>, sagt der 19-Jährige.

Der bestandene Hauptschulabschluss bedeutet für ihn einen Neuanfang. << Jetzt habe ich auch Chancen auf dem Arbeitsmarkt. >> Die zusätzliche Qualifikation als Fachlagerist sieht er als Bonus, beruflich tendiert er aber in eine andere Richtung: Er will vielleicht eine Ausbildung zum Koch machen. Aus dem Projekt hat er mehr als einen Abschluss mitgenommen: << Ich bin stolz auf mich und selbstbewusster. >>

Sowohl die praktischen als auch die theoretischen Unterrichtseinheiten fanden alle innerhalb des Gefängnisses statt. Das fünfmonatige Bildungsprojekt mit 36,5 Wochenstunden Unterricht ist eine Kooperation mit der Agentur für Arbeit, die die Finanzierung übernahm, und der Deutsche Angestellten Akademie Kempten (DAA), die die Lehrer stellte und die Absolventen auch weiterhin unterstützen will.

Anstaltsleiter Gisbert Rehmet sieht das Programm, dessen Wiederholung er sich gut vorstellen kann, << vor allem als Resozialisierungsbeitrag >>. Er betont aber: << Wir können hier nur Steine ins Rollen bringen, anschieben müssen sie die Häftlinge selber. >>

Die Idee, diese Steine überhaupt ins Rollen zu bringen, die hatten Anstaltslehrer Ingo Straßer und Sozialpädagoge Martin Hermann, << weil es eine Regelung im Sozialgesetzbuch gibt, dass Menschen ein Anrecht auf einen Schulabschluss haben >>, sagt Hermann. Die Gefängnisinsassen sollten die Möglichkeit erhalten, diesen nachzuholen. Voraussetzung: Sie haben die Vollzeitschulpflicht erfüllt, können aber weder Schulabschluss noch Ausbildung vorweisen.

Markus Mendl war einer von drei DAA-Lehrern, die die Häftlinge unterrichteten. Ein weiterer Lehrer ist kurz nach Beginn abgesprungen. << Der ist hier mit der Gefängnissituation nicht so zurecht gekommen >>, berichtet Straßer. Dabei sei die Arbeit mit den jungen Männern sehr angenehm gewesen, sagt Mendl. << Ich habe noch nie so disziplinierte und motivierte Schüler gesehen. >>

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