Ganz alltägliche Sternstunden

Lindenberg 'Sternstunden der Bedeutungslosigkeit' heißt der neue Roman von Rocko Schamoni und Sternstunden konnten auch die vielen Besucher erleben, die zur Lesung des Hamburger Autors in den 'Hirsch' gekommen waren.

Nach seiner Lesung aus 'Dorfpunks' im Oktober 2006 machte er nun bereits zum zweiten Mal in der Lindenberger Kultgaststätte Station und gab sich wiederum bodenständig: Neben seinem literarischen Vortrag rauchte er, trank Bier, spielte mit dem Handy, lobte Lindenberg, verspottete Buchloe und warf so sämtliches kulturelles Klischeedenken über Bord. Seine Stimme klang mal höhnisch, mal anmutig, mal rauchig, dann wieder bissig und hämisch. Sein Wortschatz ist trivial, teils plump und grob, dann wieder ausgefeilt und treffsicher auf 'Ohnsorgtheaterniveau'. Mal mehr und mal weniger konnte er die Besucher dabei mitreißen. Trotzdem war er ganz klar der Held des Abends und wurde mit viel Applaus und Zugabe-Rufen gefeiert.

Mit stechendem Humor und beißendem Zynismus las Schamoni vor und schlüpfte dabei sprachlich und gedanklich in verschiedene Rollen, lebte sie aus. 'Sternstunden der Bedeutungslosigkeit' ist eigentlich ein fiktiver Roman. Trotzdem kann Schamoni autobiografische Züge nicht verheimlichen. Hauptfigur ist Michael Sonntag, ein Student, der 'Kunst studiert, obwohl er Kunst hasst'. Entflohen aus der Kleinstadt Cloppenburg versucht er, die Welt zu entdecken und auf eigenen Beinen zu stehen. Doch die Großstadt bekommt ihm nicht. Er verliert seine Freundin, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und wird Dauerpatient beim 'Hackenschrauber', einem Psychologen. Dem erzählt er von einer nicht ausgetrunkenen Kaffeetasse seiner Exfreundin genauso wie von einem verschluckten Fisch in seinem Bauch, der ihn an seine Alltagsprobleme erinnert. In einer Beziehung sieht er nur noch eine 'erotische und emotionale Zweckgemeinschaft', die im 'Nichts angelt' und durch die Liebe nur 'zum Liebeszerstörer' wird.

Obwohl Sonntag ein wirklicher Verlierer und 'Nasendrogist' ist, kommt die Figur sympathisch rüber. Detailgetreue Erzählungen vom lockeren Randstein über die Rinde des Birnbaums bis zur abgeblätterten Farbe der Fensterrahmen lassen kein sprachliches Flachland entstehen. Scherze von 'mittlerem bis unterem Kaliber' lassen Sonntag und sein Umfeld gar abgewetzt liebenswürdig erscheinen.

Trotzdem sollte von 'solch lodernder Aktionslust abgesehen werden', lachte Schamoni und freute sich im Anschluss an die Lesung noch auf einen gemütlichen Abend im 'Hirsch'. Denn schließlich werde hier 'nicht nur gewohnt, sondern noch gelebt'. Dietmar Ledel

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by Gogol Publishing 2002-2019