Kempten
Fürstensaal-Classix werden Kult

Hörer-Freundlichkeit zeichnete die beiden Classix-Konzerte am Freitag und Samstag besonders aus. Natürlich war für das Festival-Publikum im vollbesetzten Fürstensaal allein schon die künstlerisch hervorragende Darbietung der Musik ein Genuss. Aber dazu kam bei jedem Stück der Programmfolgen ein Extra. Dem Bedürfnis der Zuhörer nach Variation bei diesen «Sommernachtsträumen» entsprach der schnelle Wechsel von ungewohnten, multinationalen Besetzungen: Klarinette, Oboe, Horn, Flöte und Fagott waren ebenso am Werk wie hohe und tiefe Streicher sowie das Klavier.

Das Glanzlicht gab es am Freitagabend: die Uraufführung des Sextetts «Una sinfonia intima» für Klarinette, Klavier und Streichquartett von Ragnar Söderlind, des «Composers-in-residence», direkt übertragen vom Deutschlandradio Kultur, sowie aufgezeichnet von Bayern 4 Klassik. Über herkömmliche Programm-Musik mit Tongemälden von Landschaften, Wetter oder Tierleben ist Söderlind hinaus. Aber es drängen sich einfach Assoziationen auf von faszinierend-schauerlichen, mitreißend-gewaltigen Naturereignissen: Furioser Beginn mit Klavier-Donnerschlag und Vulkanausbruch des Streichquartetts, die Rauchfahne der Klarinette zieht fahl windwärts ab, Geigen umranden zackig den Krater, in dessen Tiefe das Klavier murmelt, in Clustern aufbrüllt, Streicher-Lavaströme fließen ins Tal

Generalpausen wirken unheimlich wie die Stille vor Stürmen, aus leisem Brodeln steigt neue musikalische Struktur auf, über dem Streicherchor kreist die Klarinette, und eine letzte Aufgipfelung stürzt ins finale Unisono hinab.

Souverän gespielte Musik

Söderlind ist Norweger, ein graubärtiger, stämmiger Mann im hellgrauen Jackett, darunter immer ein schwarzes T-Shirt, auf der Brust fünf Notenlinien und ein weißes Ren mit Füßen aus Viertelnoten. «Die Naturkräfte sind sehr wichtig für die nordischen Völker», sagt er beim Komponistengespräch. «Ich mache keinen Unterschied zwischen Programmmusik und absoluter Musik. Wenn solche Natur-Bilder zu meinen Kompositionen jemandem helfen, soll es mir recht sein.»

Söderlinds Klaviertrio von 1994 im Samstagskonzert zeigt ein anderes Gesicht: klassische Formenstrenge, Motive entfalten sich stringent vom Kleinen zum Großen in spannender Dynamik, harmonisch-melodische Experimentierlust ist gebändigt. «In meiner Gymnasialzeit war ich Jazztrompeter», verrät er . «Das hilft mir bis heute.»

Die anderen Werke der beiden Abende kommen souverän: eine lustige «Serenata in vano» von Carl Nielsen etwa, das Klaviertrio c-Moll von Mendelssohn oder eine düster-dramatische Violinsonate von Edvard Grieg, Die Fürstensaal Classix sind Kammermusik in lebendigster Vollendung - Kult in Kempten.

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