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Führungslos

Michael Eß hatte noch einen großen Wunsch. 21.50 Uhr war es am Dienstagabend, als der soeben abgewählte und entlastete Vorsitzende des FC Kempten an die Mitglieder appellierte: «Wir stehen vor der gleichen Situation wie vor zwei Jahren. Wenn wir niemanden finden, wird das Amtsgericht wieder einen Notvorstand bestimmen. Genau das darf heute nicht mehr passieren.» Eine gute halbe Stunde später aber hatten Eß und die FCK-Familie die Gewissheit: Wieder ist der Verein führungslos, wieder bleibt nur der Weg zum Amtsgericht.

Die teilweise turbulente Jahresversammlung im Zeitraffer:

19.40 Uhr Michael Eß (31) stellt fest: Von 419 Mitgliedern sind 76 anwesend und stimmberechtigt. «Das ist eine gute Beteiligung bei rund 200 Kinder und Jugendliche.» Sponsoren, Vertreter der Stadt oder der Sportverbände sind diesmal nicht da. Wie sich später herausstellt, wurden sie gar nicht eingeladen. Eß blickt auf seine einjährige Amtszeit zurück (davor war er ein gutes halbes Jahr Notvorstand) und bemerkt: «Moral, Anstand und Nächstenliebe - das bleibt im Ehrenamt immer mehr auf der Strecke. Jeder sucht nur seinen eigenen Vorteil.

» Eß lässt die sportliche Talfahrt Revue passieren und räumt ein, dass es auch im Vorstand allerhand Probleme gab: «Wir sind als zusammengewürfelter Haufen gestartet - und das blieben wir auch.» Wegen beruflicher Verpflichtungen in München könne er den Verein nicht vom Telefon aus führen, seine Vorstandskollegen Maximilian Müller (42) und Alexander Blank (27) würden aus familiären Gründen nicht mehr antreten.

20.10 Uhr Eß trägt den Kassenbericht vor und versichert den möglichen Nachfolgern: «Wir haben 60000 Euro Schulden abgebaut.» Das Geschäftsjahr 2009 sei mit einem Plus von 9500 Euro abgeschlossen worden, bis August 2010 stünde ein Plus von 14800 Euro zu Buche. Eß: «Damit sollte man in diesem Jahr über die Runden kommen.»

20.30 Uhr Jugendleiter Walter Auerbacher (66) blickt auf eine ereignisreiche Saison zurück und stellt den Antrag, der neue Vorstand möge zwei Jugendleiter und einen Jugendkoordinator installieren: «Als alleiniger Jugendleiter mach ich nicht weiter.»

20.55 Uhr Vor der Entlastung des Vorstands klagt Benjamin Schwaiger (26/Ex-Trainer der Ersten und mittlerweile wieder A-Junioren-Coach) den 2. und 3. Vorsitzenden an, den Spielern Dame Diouf und Kyle Helton in ihren Verträgen zusätzliche Zahlungen versprochen zu haben - ohne Eß davon in Kenntnis zu setzen. Sowohl Müller als auch Blank räumen die Vorwürfe ein. Dame Diouf, zwischenzeitlich vom Verein entlassen und wieder eingestellt, brüllt wiederholt und lautstark Richtung Müller: «Lügner. Sag endlich die Wahrheit.» Blank entschuldigt sich, Müller verteidigt sein Handeln: «Wir wollten dem Verein helfen.»

Keine Entlastung für Müller

21.30 Uhr Das Gremium beschließt, die Vorstandsmitglieder einzeln zu entlasten: Eß, Blank und Schatzmeisterin Suntka Müller werden entlastet, Maximilian Müller bleibt die Entlastung mit 42 Nein-Stimmen versagt.

21.53 Uhr Neuwahlen: Wahlleiter Siegfried Irl (60) fragt: «Wer will Vorstand werden?» René Stache erhebt sich und nennt es «traurig, dass Maximilian Müller hier als Bauernopfer hinterlassen wird». Seine Vorstellung fällt dürftig aus. Zu Alter (44), Herkunft (Leipzig), Beruf (Drucker) und Verbindungen zum Verein (Freund von Trainer Zimmerling) gibt er keine Auskunft. Es fragt aber auch niemand. «Man müsse jetzt die Kräfte bündeln», sagt er «und hier gibt es Potenzial.»

Ja-Stimmen nicht abgefragt

21.58 Uhr Abstimmung über Stache: Manch einer wundert sich über den Modus. Denn Irl schließt aus null Gegenstimmen und 26 Enthaltungen 50 Ja-Stimmen. Wer ihn wirklich unterstützt, erfährt Stache nicht. Für den 2. Vorstand findet sich zunächst kein Kandidat. Dann wird Maximilian Müller vorgeschlagen. Gegrummel im Saal. Irl: «Ihr könnt doch einen nicht entlasteten Mann nicht zur Wahl stellen. Glaubt ja nicht, dass wir mit der Entlastung noch mal anfangen.» Irl beraumt eine 10-minütige Pause ein.

22.17 Uhr Zweiter Anlauf. Wieder kein Kandidat für den 2. Vorsitz. Irl bricht die Wahl ab. Doch ein Mitglied stellt das Prozedere infrage. Man müsse doch den 3. Vorsitzenden und den Schatzmeister zur Wahl stellen. Nach Minuten der Verwirrung und Diskussion folgt ein dritter Anlauf. Aber wieder meldet sich niemand.

22.28 Uhr Irl zu Eß: «Du musst wieder zum Amtsgericht.» Eß: «Ich kenn den Weg.»

22.29 Uhr Ende der Versammlung.

 

Lange Gesichter: (von links) Jugendleiter Walter Auerbacher und die zurückgetretenen Vorstandsmitglieder Maximilian Müller, Alexander Blank und Michael Eß. Foto: Ernst

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