Kaufbeurer Dialog
Freiheit ist das einzige, das zählt

Joachim Gauck zieht die Menschen in seinen Bann. Leidenschaftlich tritt er für bürgerliches Engagement ein. Doch dabei wirkt er nie verbissen, sondern immer tolerant, erklärt mit Beispielen aus dem ganz normalen Leben, worum es geht. Damit begeisterte er nun auch die Gäste beim vierten Kaufbeurer Dialog im Offiziersheim des Fliegerhorstes. Die geladenen Zuhörer nahmen viele Anregungen mit nach Hause und feierten den Redner mit lang anhaltendem Applaus für seinen erfrischenden Vortrag.

Schwerpunkt seiner Rede war das Thema << Freiheit und Verantwortung >>. Gauck legte anhand der Geschichte der kleinen Marie und ihres späteren Mannes Paul dar, wie schnell in einem totalitären System wie der DDR die Freiheit jedes Einzelnen eingeschränkt wird. Noch harmlos mag die Entscheidung gewirkt haben, die Tochter in der Grundschule bei den Pionieren mitmachen zu lassen, damit sie nicht als Einzelgängerin da steht. Doch als Paul vor der Abiturprüfung sagen muss, wie lange er bei der Nationalen Volksarmee dienen will, geht es schon um das weitere eigene Schicksal: Studienplatz oder nicht. Und was macht er schließlich als Assistenzarzt. Wenn die Chance auf berufliches Fortkommen nur möglich ist, falls er in die Partei eintritt?

Gauck selbst gibt keine konkreten Antworten auf die einzelnen Fragen. Er lässt sie auf sein Publikum wirken, verdeutlicht ihnen dadurch, wie schnell jeder Einzelne zum vermeintlich harmlosen Mitläufer wird, deren Masse die Diktatur letztlich ermöglicht. Immer wieder zieht Gauck auch Parallelen zum Nationalsozialismus.

Und trotz seiner vielen frustrierenden Erlebnisse scheint er den Glauben an die Menschen nicht verloren zu haben. Selbst die Ewiggestrigen können ihn mit ihrem Standardsatz << es war ja nicht alles schlecht >> nicht aus der Ruhe bringen. << Ja, ja >>, pflegt Gauck dann zu sagen, << es gab Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter >>.

Das Gewissen seiner Zuhörer erreicht er dennoch. Er macht deutlich, wie selbstverständlich wir im Westen mit unserer Freiheit umgehen. << Wir sollten begreifen, welchen Schatz wir mit unserem Grundgesetz haben >>, mahnt er. Es sei aber auch töricht, von einem Leben in politischer Freiheit ein immerwährendes Glücksgefühl zu erwarten, ohne etwas dafür zu tun. Freiheit müsse vielmehr auch gestaltet werden. << Unsere Seelen belohnen uns nicht, wenn wir es uns bequem machen, sondern wenn wir Verantwortung übernehmen und etwas bewirken >>, erläutert der frühere Pastor. Kein Verständnis hat er für die Menschen, die sich nur noch << zu Tode amüsieren >> wollen.

Übertragen auf den Staat, fordert Gauck die Menschen auf, ja zu sagen zu Diskussionen, Konflikte auch auszutragen. Und trotz aller Krisen sieht er die Demokratie in Deutschland noch nicht gefährdet. Die Politik sei nicht so schlecht, wie sie gemacht werde. Allerdings müssten die Politiker einen Weg finden, den Menschen die komplizierten Sachverhalte verständlich zu erklären. Denn: << Je weniger die Bevölkerung von einem Thema versteht, desto sicherer ist sie in ihrem Urteil. >> Das müsse sich ändern.

Deutlich wurde Gauck auch in Bezug auf die stetig sinkenden Beteiligungen an Wahlen. << Es widert mich an, wenn Menschen nicht zur Wahl gehen.

>> Wer nicht wisse, wer die Guten sind, die er wählen möchte, soll die weniger Schlechten wählen, empfahl der << reisende Demokratielehrer >>. Mit diesen Worten charakterisierte Oberst Richard Drexl seinen Gast.

Erneut zu Gast in Kaufbeuren ist Dr. Joachim Gauck am Montag, 31. Januar. Die Volkshochschule veranstaltet an diesem Tag eine öffentliche Lesung und Diskussion mit ihm in der Aula der Marienschulen.

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