Mehr häusliche Gewalt durch Ausgangsbeschränkung
Frauenhaus in Kempten ist ausgelastet

Experten befürchten mehr häusliche Gewalt durch die Augsangsbeschränkung (Symbolbild).
  • Experten befürchten mehr häusliche Gewalt durch die Augsangsbeschränkung (Symbolbild).
  • Foto: David Yeow
  • hochgeladen von Lisa Hauger

Häusliche Gewalt betrifft viele Frauen. Laut Bayerischer Polizei flüchten im Jahr bundesweit mehr als 40.000 Frauen, teilweise mit ihren Kindern, in eines der über 400 Frauenhäuser in Deutschland. Durch die derzeitige Ausgangsbeschränkung vermuten Experten einen Zuwachs an häuslicher Gewalt. 

Wie sieht es da in Einrichtungen aus, die betroffene Frauen und deren Kinder aufnehmen? all-in.de hat bei Amelia Ulbrich vom Frauenhaus Kempten nachgefragt. Laut der Sozialpädagogin gibt es in dieser Einrichtung etwa 100 Beratungen im Jahr. In 2019 erhielt das Frauenhaus Kempten über 90 Aufnahmeanfragen. Hiervon konnte die Einrichtung aus Platzgründen aber nur elf Frauen aufnehmen. Die aktuelle Ausgangsbeschränkung begünstige die Situation nicht gerade.

Aktuelle Situation im Frauenhaus Kempten

Das Frauenhaus Kempten ist voll. "Aber das waren wir schon vor Corona", sagt Sozialpädagogin Amelia Ulbrich. Es sei eine Belastung, die von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen nicht aufnehmen zu können, erklärt sie. Das Frauenhaus Kempten klärt in diesen Fällen, ob die Betroffenen in Frauenhäuser in Memmingen oder Kaufbeuren unterkommen können. Doch auch diese Einrichtungen seien voll belegt, sagt die Sozialpädagogin. Wenn die Frauenhäuser die Betroffenen im Hinblick auf das Coronavirus nicht isolieren können, können die Einrichtungen die Frauen nicht aufnehmen. 

Diplompsychologin Irene Schnittker aus Füssen zu den psychischen Auswirkungen der Ausgangsbeschränkung

Was die Beratungsanfragen angeht, sei kein Anstieg durch die Corona-Maßnahmen spürbar. Es gebe so viele Anfragen, wie sonst auch, meint Ulbrich. Betroffene können sich telefonisch an das Kemptner Frauenhaus wenden. Tagsüber sind Mitarbeiterinnen im Büro, ab 17 Uhr gibt es einen Bereitschaftsdienst. Eine Beratung findet dann per Telefon statt. 

Corona verändert das Leben im Frauenhaus 

Die Lage um das Coronavirus verändert aber das Leben im Frauenhaus. Die Menschen sind nicht so viel draußen. "Wir sind wie eine Wohngemeinschaft, es ist eng", sagt Amelia Ulbrich. Die Abstandsregel können sie deshalb nicht einhalten. Momentan leben fünf Frauen und deren Kinder im Kemptner Frauenhaus auf drei Stockwerken verteilt. Sie teilen sich eine Küche und zwei Badezimmer. Eine weitere Frau ist in einer Ferienwohnung außerhalb des Frauenhauses untergebracht. Das sei aber nur eine Ausnahme, denn die von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen müssen betreut werden. Wohnen sie nicht am selben Ort, kommen die Mitarbeiterinnen personell schnell an ihre Grenzen. 

Normalerweise sind die Kinder in der Schule, draußen beim Spielen oder unternehmen Ausflüge. Weil sie momentan aber nicht in die Schule können, müssen die Kinder im Frauenhaus schulisch betreut werden. Manche Mütter tun sich dabei schwer und brauchen Hilfe. In manchen Fällen übernehmen die Mitarbeiterinnen die schulische Betreuung auch komplett. Das und die engen Räume bedeuten zusätzlichen Stress für die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses. "Wir sind ausgelastet", sagt Amelia Ulbrich. 

Vor rund zwei Wochen war eine Bewohnerin krank. Sie trug einen Mundschutz, hatte extra Küchen-Zeiten, ein extra Badezimmer und war ansonsten in ihrem Zimmer. Einen Corona-Test durfte die Frau damals noch nicht machen: Sie hatte weder Kontakt zu einem Infizierten, noch war sie in einem der Risikogebiete. Eine Mitarbeiterin des Frauenhauses werde nun auf das Coronavirus getestet. 

Mit Mundschutz arbeiten die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus Kempten nicht. Handschuhe werden nur gelegentlich getragen, etwa beim Ausräumen eines Zimmers. Doch das regelmäßige Händewaschen ist auch für die Kinder schon zum Ritual geworden. 

Was nun? 

Weil die Plätze im Frauenhaus momentan voll belegt sind, sucht das Frauenhaus in Zusammenarbeit mit Polizei und einer Gleichstellungsbeauftragten nach Lösungen. Nach einer Wegweisung durch die Polizei verlässt normalerweise der gewalttätige Partner die gemeinsame Wohnung. Vor allem dann, wenn Kinder mit betroffen sind. Sie sollen in ihrem gewohnten Umfeld bleiben, so Ulbrich. 

Der Partner kommt dann für ein bis drei Wochen beispielsweise bei Freunden unter. Das ist aufgrund der Ausgangsbeschränkungen zurzeit allerdings nicht möglich. Eine Möglichkeit, an der gerade gearbeitet wird, wäre die Unterbringung des Partners im Hotel. Wenn die Familie finanziell selbst nicht dafür aufkommen kann, kann das Jobcenter aushelfen. Ansonsten muss man mit der Stadt verhandeln, erklärt Ulbrich. Das Frauenhaus kümmert sich dann um die Frau mit Gesprächen, finanzieller Sicherung und Beratung. 

Warum ist kein Anstieg der Anfragen beim Frauenhaus sichtbar? 

Durch die Ausgangsbeschränkung werde der Stress Zuhause noch mehr, sagt die Sozialpädagogin. Trotzdem kommen die Betroffenen nicht vermehrt auf die Polizei und auf das Frauenhaus zu, so Ulbrich. Woran das liegen könnte? Die Sozialpädagogin vermutet: Dadurch, dass der Partner womöglich die ganze Zeit Zuhause ist, ist es für die Frauen noch schwieriger, Mut zu fassen und sich Hilfe gegen häusliche Gewalt zu suchen. Außerdem fehle durch die soziale Isolierung auch der Austausch mit Freunden und Familie.

"Nichtanzeige schützt immer den Täter, nicht das Opfer"

Auch die Polizei informiert über häusliche Gewalt: Grundsätzlich sollten die Betroffenen in Notfällen umgehend die Polizei über den Notruf 110 kontaktieren. "Nichtanzeige schützt immer den Täter, nicht das Opfer", so die Polizei in einer Pressemeldung. 

Kontakt zu Beratungsstellen 

Betroffene können bundesweit Kontakt zu anderen Beratungsstellen in der Nähe aufnehmen: 

  • Hilfetelefon 08000 116 016 Gewalt gegen Frauen. Beratung telefonisch, per E-Mail oder Chat, bei Bedarf in 17 verschiedenen Sprachen
  • Beratungsangebot: Kinder- und Jugendtelefon: 116 111, Elterntelefon: 0800 – 111 0 550
  • Opfertelefon: 116 006 des WEISSEN RING
  • Das Frauenhaus Kempten ist zu erreichen unter der Telefonnummer 0831/180 18

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