Erziehung
Frauen des ersten Elternkurses in russischer Sprache in Memmingen lernen, Gefühle zu äußern

Im Kurs spricht Elena Bergen nur russisch. Aber Elena Bergen ist keine Russischlehrerin oder Russischschülerin. Sie ist Russlanddeutsche und besucht in Memmingen den ersten Erziehungskurs für Eltern in russischer Sprache. Einen Kurs, in dem die dreifache Mutter keine komplizierten Grammatikregeln oder Satzbau-Konstruktionen lernt, sondern etwas, das für sie und viele andere noch viel schwerer ist: über Gefühle zu sprechen.

«Wenn du selber verschlossen bist, kannst du deine Gefühle nicht weitergeben», sagt sie. «Im Kurs habe ich gelernt aufzumachen.» Seit neun Wochen kommen die acht Mütter jeden Dienstagabend ins Migrationsbüro an der Münchner Straße in Memmingen: «Um eine bessere Mami zu werden», wie es Elena Bergen ausdrückt. Der Kurs unter dem Titel «Starke Eltern - Starke Kinder» ist an sich nichts Neues. Ihn gibt es in Memmingen schon seit zehn Jahren. Neu ist aber, dass das Seminar seit März zum ersten Mal auf Russisch angeboten wird.

«Über Gefühle spricht man leichter in seiner Muttersprache», sagt Elena Bergen. «Du kannst besser erzählen, was in dir vorgeht und musst nicht erst nach Wörtern suchen», fügt ihre Nebensitzerin Raisa Schmidberger hinzu. Zwei Stühle weiter nickt Nina Siddikor. «Zu Hause erzähle ich meinem Partner, was ich gelernt habe.

Er bräuchte auch so einen Kurs», sagt sie und lacht. «Aber er hat keine Zeit.» Seit Siddikor zu den Dienstagssitzungen kommt, habe sich nicht nur das Verhältnis zu ihrem Sohn verbessert, sondern auch das zu ihrem Partner: «Wir reden öfter.»

Allerdings war es laut Kursleiter Jurij Borodkin vom Stadtjugendamt nicht leicht, Teilnehmer für dieses Seminar zu finden: «Zur ersten Kursstunde im März kamen nur drei Leute.» Schließlich wurden acht daraus. «Durch Mundpropaganda wirds leichter», sagt Kursleiterin Elena Filippova. Die meisten Teilnehmer kämen aus dem Memminger Westen. Im Osten, wo viele Russlanddeutsche leben, habe man nur eine Mutter erreicht. Väter sind keine im Kurs. An sie komme man schlecht ran, sagt Filippova: «Das liegt an der russischen Kultur. In Russland ist Kindererziehung Frauensache.»

Zwei Wollfäden

Als Hausaufgabe für die nächste Kursstunde müssen Bergen, Schmidberger, Siddikor und die anderen an diesem Dienstag zwei Wollfäden mit nach Hause nehmen - einen grauen und einen orangefarbenen. In die Fäden machen sie während der Woche Knoten: Einen in den grauen, wenn sie ihr Kind schimpfen, einen in den orangefarbenen, wenn sie es loben. Im Kurs werden dann die Knoten gezählt und im Stuhlkreis ausgewertet.

Jurij Borodkin

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen