Interview
Fotograf Thomas Grabka über seine schwierige Arbeit

Thomas Grabka (51) aus Berlin ist freier Bildjournalist und hat seine Fotos bereits in vielen namhaften internationalen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht. Zusammen mit der Kaufbeurer Hilfsorganisation «Humedica» war er nun in Haiti. Fotos, die bei der Reportagereise entstanden, sind derzeit im Kaufbeurer Rathaus ausgestellt.

Sie waren Ende vergangenen Jahres für zwölf Tage im vom Erdbeben zerstörten Haiti. Wie reagieren die betroffenen Menschen dort, wenn man die Kamera auf sie richtet?

Grabka: Die Leute, denen ich in Haiti begegnet bin, waren zu einem großen Teil hoffnungslos, verzweifelt und entsprechend misstrauisch - gegenüber ihren Leidensgenossen und umso mehr gegenüber diesem Weißen, der sie fotografieren will. Ich denke, diese ungewöhnlich kritische und unsolidarische Haltung kommt von den vielen Katastrophen, die diese Menschen schon aushalten mussten, und vielleicht auch aus der speziellen Geschichte dieses Landes. Ich musste mich also vorsichtig an die Menschen herantasten und erst viel Vertrauen aufbauen. Da war die Zusammenarbeit mit den Humedica-Helfern, die vor Ort schon bekannt und anerkannt sind, natürlich eine große Hilfe.

Außerdem habe ich Kontakt zu Bewohnern eines Sammellagers für Obdachlose geknüpft, die mich zu Orten und Motiven geführt haben, zu denen ich sonst wohl nicht gelangt wäre.

Ihre Bilder wirken strahlend, bunt und ästhetisch ansprechend, obwohl darauf Trümmerlandschaften und verstümmelte Menschen zu sehen sind. Ist das kein Widerspruch?

Grabka: Zum einen wollte ich dokumentieren, dass es trotz allem auch ein wenig Hoffnung in diesem Land gibt. Zum anderen ist die Fotografie einfach mein Job. Für den muss ich auch bei solchen Motiven funktionieren und gute Bilder liefern. Ich bin keiner, der so etwas sieht und dann zu weinen beginnt. Eine große Hilfe, diese Professionalität zu wahren, ist die Kamera, die ein bisschen wie ein Schutzschild wirkt.

Sollte ich bei meiner Arbeit mit einer akuten Notsituation konfrontiert sein, würde ich nicht zögern, zu helfen statt zu fotografieren. Aber das ist mir bisher glücklicherweise noch nie passiert. Ich verstehe mich vor allem als Journalist und weniger als Künstler, deshalb arrangiere ich außer bei Porträts niemals etwas, und auch die digitale Nachbearbeitung beschränkt sich auf minimale Verbesserungen, etwa beim Kontrast.

Vor Haiti waren Sie schon in vielen anderen Krisenregionen dieser Erde unterwegs, etwa im Irak, in Afghanistan und Pakistan. Macht einen Unterschied, ob man die Auswirkungen eines Krieges oder einer Naturkatastrophe dokumentiert?

Grabka: Der Natur kann man keinen Vorwurf machen, die ist einfach so grausam. In Kriegsgebieten stellt man sich dagegen immer wieder die Frage: Warum tun Menschen anderen Menschen so etwas an?

Warum zieht es Sie immer wieder in solche gefährlichen Regionen?

Grabka: Ich bin kein Heilsbringer oder Weltverbesserer, aber ein politisch denkender Fotograf, der die Wahrheit transportieren will. Natürlich muss diese Motivation auch mit den Bedürfnissen der Auftraggeber decken, sonst ist das ökonomisch nicht zu machen. Leider gibt es in der Medienlandschaft immer weniger Beteiligte, denen dieser große Wert der Wahrhaftigkeit wichtig und auch etwas wert ist. Eigentlich müsste ich statt in Kaufbeuren zu sein, schon lange in einem Taxi von Alexandria an die ägyptisch-libysche Grenze sitzen

Die Ausstellung «Hoffnung im zerstörten Paradies» ist im Foyer im Neubau des Kaufbeurer Rathauses zu sehen. Öffnungszeiten: Montag 8 bis 16 Uhr, Dienstag bis Freitag 8 bis 12, donnerstags zusätzlich von 14 bis 16 Uhr.

 

Thomas Grabka

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