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Foodsharing in Kempten: Wir wollen Lebensmittel vor der Vernichtung retten!

82 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf landen in Deutschland jährlich im Müll. Der bundesweit organisierte Verein Foodsharing ist Ende letzten Jahres auch in Kempten angekommen. Die Mitglieder wollen Lebensmittel vor Verschwendung bewahren.

"Manchmal haben wir das ganze Auto voll", erklärt Rudi Betz (64) voll Überzeugung. Auf dem Parkplatz vor dem Bäcker in der Lindauer Straße steht sein silbergrauer Fiat 600. Es ist Dienstagabend um halb sechs. Rudi ist Mitglied bei "Foodsharing" in Kempten. Er kommt viermal die Woche vor Ladenschluss her, um übrige Backwaren einzusammeln. Seit April hat er zwei Tonnen Lebensmittel gerettet. Die gesamte Gruppe in Kempten etwa fünf Tonnen. All das wäre ansonsten einfach im Müll gelandet.

Foodsharing: Das ist eine Sammelbewegung von Leuten, die es satthaben, dass Lebensmittel kistenweise im Müll landen. Foodsaver nennen sich die Mitglieder: Sie holen übrig gebliebene Lebensmittel bei teilnehmenden Läden ab und bringen sie ins Haus International. Die Leute können an etwa vier Tagen pro Woche abends dorthin kommen und sich je nach Tag Obst, Gemüse, Backwaren und auch Milchprodukte mitnehmen. Fleisch und Wurst gibt es nicht. Wenn ein Händler kurzfristig etwas übrig hat, erfährt man davon auch per Facebook auf der Seite des Kemptener Foodsharing.

Unsere Philosophie ist es aber nicht, armen Menschen Nahrung zu geben. Das machen die Tafeln, mit denen wir nicht in Konkurrenz stehen, betont Rudi. Essen abholen kann nämlich jeder, der dahinter steht, dass Lebensmittel nicht verschwendet werden. Die Foodsaver sehen sich dabei als Botschafter. Alles was Rudi für den Verein tut, macht er ehrenamtlich in seiner Freizeit. Wie die anderen Foodsaver auch. Einnahmen haben sie keine.

Foodsharing befindet sich in Kempten noch in der Aufbauphase. Das bedeutet konkret: Die Foodsaver suchen immer noch zusätzliche Leute. Und zwar nicht nur Ehrenamtliche, die helfen, das übrige Essen einzusammeln, sondern vor allem auch Abnehmer. Denn manchmal müssen selbst die Retter noch einiges an Lebensmitteln entsorgen, weil nicht alles abgeholt wird.

Auch an diesem Tag ist der Andrang im Haus International nicht besonders groß. Eine ältere Dame kommt zufällig an dem provisorischen Stand der Foodsaver im Treppenhaus vorbei. Dass sie für ihre Butterbreze nichts zahlen soll, kann sie nicht glauben: "Das macht man doch nicht! Nix zahlen... das gehört sich nicht." Demonstrativ legt sie einen Euro auf den Tisch und geht samt Breze zur Tür raus.

An der Reaktion der Seniorin erkennt man, dass die Idee von Foodsharing noch zu wenig bekannt ist. Aktiv sind im Moment außer Rudi noch vier Leute beim Verein in Kempten tätig, die regelmäßig Essen an beteiligten Stellen einsammeln und sich bemühen, das Konzept zu verbreiten. Fünf bis sieben weitere wären allerdings nötig, um das Angebot regulär auf sechs Tage auszudehnen. "Aber andererseits, dafür dass wir erst ein knappes Jahr da sind, sind wir eigentlich schon ganz schön weit", sagt Rudi.

Reaktionen der Händler

Läden reagieren ganz unterschiedlich auf die Frage nach übrig gebliebenen Lebensmitteln. Große Ketten wie Aldi oder Lidl verschenken laut Rudi generell nichts, weil sie diesbezüglich Vorgaben erfüllen müssen. Bäckereien dagegen haben oft schon Abnehmer für übrige Backwaren. Diese werden dann entweder von Bauern abgeholt, die sie ans Vieh verfüttern, oder die Tafel bekommt die Reste. Der Verein springt als Abholer nur ein, wenn die Sachen wirklich in den Müll wandern würden.

Manche Händler treten mittlerweile von sich aus an die Foodsaver heran. Sie sind froh, wenn Produkte, die sie nicht verkauft haben, trotzdem noch gegessen werden. Auch der Wochenmarkt gibt etwas ab. So landen mitunter richtig frische Lebensmittel beim Foodsharing.

Verfaultes sortieren die Foodsaver generell aus. Rudi nimmt eine Rebe Trauben aus der Kiste und zupft ein paar verschimmelte Früchte ab. Keine schöne Arbeit, aber das gehört eben dazu. "Das sind französische Trauben", erklärt der 64-Jährige. "Die sind ansonsten richtig teuer." Verdorbene Ware macht aber nur einen kleinen Teil der eingesammelten Lebensmittel aus.

Nach getaner Arbeit dürfen die Helfer dann auch selbst zugreifen. An diesem Tag gibt es 30 übrige Butterbrezen, je zwei Kisten Birnen und Trauben und eine Auswahl an Gemüse. Es ist für alle was da, Hauptsache die Sachen müssen nicht in den Müll. Rudi nimmt sich von allem ein bisschen. Nur die große Kiste mit den Krautköpfen lässt er links liegen: "Ich mag halt kein Kraut."Aber dafür freut sich vielleicht jemand anders.

Suche nach einem neuem Abholort

Das Haus International, wo nebenher ständig Veranstaltungen und Sprachkurse stattfinden, ist als Abholort nur bedingt geeignet. Die Foodsaver sind daher in Kempten noch auf der Suche nach einem neuen Raum, der an bis zu sechs Tagen pro Woche als eine Art Laden dienen kann.

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