Heiligabend
Feiern auf acht Quadratmetern - Weihnachten im Wohnmobil

Zu Weihnachten fahren die Hampels dem Schnee hinterher. Denn am Niederrhein, wo ihr Haus steht, ist die Wahrscheinlichkeit für weiße Weihnacht ziemlich gering. Und so hat das Ehepaar sein rollendes Zuhause, ein Wohnmobil, gen Süden gesteuert.

Eine kleine Lichterkette hängt am Kunststofffenster, ein etwa zehn Zentimeter hohes Plastikbäumchen steht auf dem Tisch. Wohnmobilisten geben sich mit wenig zufrieden. Um unterwegs sein zu können, schrumpfen sie ihr Leben für Wochen - bei Joachim und Beate Hampel waren es heuer fast drei Monate - zusammen in handliche Formate. Praktisch organisiert, bietet diese kompakte Welt alles, was man braucht. «Hier ist unser Schlafzimmer», sagt Joachim Hampel und deutet auf eine Pritsche hinter sich, «hier das Kinderzimmer» - der Hundeliegeplatz darunter. Eine Drehung um 90 Grad und eine knappe Armbewegung reicht, um «Wohnzimmer, Esszimmer und Küche» zu beschreiben.

Auf dem Wangener Wochenmarkt hat sich das Paar ein weihnachtliches Gesteck mit einer dicken, roten Kerze besorgt. Die Geschenke fallen sehr klein aus. «Bei uns gibt es keinen Weihnachtsstress», versichert Beate Hampel. Seit elf Jahren nicht mehr.

Seither haben die Hampels ihr Wohnmobil. Den ganzen Westen Europas haben sie schon bereist, von Norwegen bis Spanien. Einmal waren sie auch in Oberschlesien, wo Joachim Hampel aufgewachsen ist. «Dort lag immer Schnee an Weihnachten», erzählt er. Deshalb hält ihn im Dezember nichts am Niederrhein. Nicht, dass es ihm dort nicht gefiele. Wenn er von Sonsbeck spricht, die Stadt, in der sein Haus steht, fällt ihm ein Vorzug nach dem anderen ein. Die «Sonsbecker Schweiz» werde die Gegend wegen der reizvollen Hügellandschaft genannt. Der Wallfahrtsort Kevelaer liege in der Nähe und die Römerstadt Xanten.

«Wenn uns andere Wohnmobilisten zuhause besuchen, fragen sie immer: Warum fahrt ihr überhaupt weg?» Hampels Antwort: «Um zu wissen, wie schön es zuhause ist, muss man erst weg sein.»

«Ich will noch viel sehen»

Vor etwa zwei Jahren hatte Joachim Hampel schwere Herzprobleme. Der heute 57-Jährige entschied sich auf Anraten des Arztes dafür, in Frührente zu gehen. 39 Jahre hat er in die Rentenkasse einbezahlt - die Summe, die er jetzt monatlich erhält, ist sehr bescheiden. Die Hampels hadern nicht damit. «Gesundheit geht vor allem anderen», sagt Beate Hampel. Geld mache nicht glücklich, ergänzt ihr Mann. Und lachend: «Ich will noch viel sehen - und wenn mich der liebe Gott dann holt, kann ich ihm alles erzählen.»

Seit der Rente ist die Reisezeit der Hampels deutlich länger geworden, ihr Radius aber kleiner. Sie fühlen sich sicherer, wenn sie deutsche Ärzte oder Krankenhäuser erreichen können - falls mal was wäre unterwegs. So lenken sie ihr Wohmobil kreuz und quer durch Deutschland. Und weil ihr eigentliches Weihnachtsziel, der Ort Bodenmais im bayerischen Wald, derzeit eine Baustelle am Stellplatz hat, haben sie kurzfristig umdisponiert und sind ins Allgäu gekommen. In Wangen werden sie bestens betreut von Gästeamtsleiter Peter Beck.

Der ehamlige Gästeamtsleiter hat 2001 den Bau des Wohmobil-Stellplatzes in Wangen angeregt. 18 Plätze waren es ursprünglich, inzwischen wurde das Areal auf 40 erweitert. Zu Weihnachten ist es gut belegt, an Silvester voll, erzählt Beck. Die Nähe zur historischen Altstadt - fünf Gehminuten - ist laut Beck einer der Vorzüge.

Der Nutzen dieser Einrichtung für die Stadt ist vorzurechnen: 13790 Nächte haben Wohnmobilisten im vorigen Jahr in Wangen verbracht, durchschnittlich lassen sie 45 bis 50 Euro täglich liegen. «Das sind 650000 Euro Kaufkraft.» Peter Beck schaut täglich nach den Gästen in ihren rollenden Heimen. Heute bringt er kleine Präsente vorbei.

Beate Hampel wird als Festessen einen Lachs in der Pfanne braten. Dazu gibt es ein Schlückchen Wein - im täuschend echt aussehenden Kunststoffglas. «Es ist nicht viel anders als zuhause», stellt die 54-Jährige fest. Bloß diese leichte Schwermut komme nicht auf im Wohnmobil. Früher daheim habe sie manchmal ein Anflug von Traurigkeit gestreift am Heiligen Abend, wenn sie im Fernsehen diese glücklichen Familien gesehen hat. Das Paar ist seit 26 Jahren verheiratet und hätte eigentlich gerne Kinder gehabt.

Am Stellplatz in Wangen ist die Familie Hampel - ohne großen Aufwand - bestens gerüstet für einen gemütlichen Weihnachtsabend. «Im Radio spielen sie Weihnachtsmusik. Das macht ein bisschen Atmosphäre», sagt Joachim Hampel. Einen einzigen Weihnachtswunsch hat seine Frau Beate: Wenn sie aus ihrem Wohnmobilfenster schaut, möchte sie gerne Schneeflocken sehen.

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