Bahnunglück
Fassungslos - Jugendliche trauern um ihre Freundinnen

Es ist dunkel. Und kühl. Unter der Autobahnbrücke stehen drei Dutzend Jugendliche. Die einen starren, in Gedanken und Gefühlen versunken, ins Leere, stecken sich eine Zigarette nach der anderen an. Andere liegen sich in den Armen und weinen hemmungslos.

Am Freitagabend sind an diesem düsteren Ort ihre beiden Freundinnen von einem Zug erfasst worden und gestorben: die 13-jährige Vanessa und die 16-jährige Nicole. Über den Köpfen der stumm Trauernden rauschen ahnungslose Autofahrer mit ohrenbetäubendem Lärm über die A7.

<< Vielleicht haben die beiden bei dem Krach den heranrauschenden Zug überhört >>, mutmaßt einer der zahlreichen Jugendlichen, die sich auch am dritten Tag nach dem tödlichen Unglück wieder versammelt haben, um gemeinsam um die beiden Mädchen aus ihrer großen Clique zu trauern. Mit pietätvollem Abstand beobachten zwei Polizisten die Szenerie.

An einem der Brückenpfeiler, die mit Graffiti besprüht sind, brennen rund hundert Kerzen. Dazwischen stehen Fotos, liegen Briefe. Eine in Schwarz gekleidete Frau kniet wortlos davor und legt einen Strauß mit roten und gelben Rosen ab. Es ist die Mutter von Nicole. << 16 Stück, für jedes Jahr eine >>, stammelt sie, bemüht um Fassung im Angesicht des Unfassbaren.

<< Sie war immer so lebenslustig >>

Neben ihr stehen Nicoles Großeltern und erzählen über ihre Enkelin, die << immer so ein lebenslustiges Mädchen war >>. Am Freitagnachmittag haben sie noch Kaffee mit ihr getrunken, sie in den Arm genommen und ihr - als sie sich verabschiedete - scherzhaft hinterher gerufen, sie solle gut auf sich aufpassen << bei ihrem Rendezvous >>. Und jetzt ist Nicole tot.

Von einer Sekunde auf die andere war alles anders. Das hat die Freunde der beiden Mädchen erschüttert. Sie sind aber auch wütend: << Wegen der vielen Unwahrheiten, die in den vergangenen Tagen in den Boulevardmedien über die beiden verbreitet worden sind >>, kritisiert einer der Jugendlichen, während im Hintergrund gerade ein weiteres Kamerateam eines privaten Fernsehsenders wortlos vorbeihuscht.

Alle anwesenden Freunde, der Cousin, Nicoles Mutter und ihre Großeltern sind felsenfest davon überzeugt, dass die beiden keine Mutprobe im Sinn hatten und dass auch kein Alkohol im Spiel war. << Es war ein tragischer Unfall >>, sagt die Mutter - und alle um sie herum nicken stumm. Dann ergreift ein Mitglied der Clique das Wort:

<< Wir wollen eine der Wände säubern und sie mit einem eigenen Bild gestalten. >> Ein Bild, das an Nicole und Vanessa erinnert. Ihre Freunde hoffen nun, dass die zuständige Autobahnbehörde ihnen diesen Herzenswunsch erfüllt: Ein Zeichen der Liebe zu setzen, das über den Tod hinausweist.

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