Memmingen
Fakten, Fakten, Fakten

Einer seiner Hörer legt dem Autor gleich drei seiner soeben erstandene Bücher zum Signieren vor. Sie sollen noch vor der Bundestagswahl am kommenden Sonntag verschenkt werden. Damit entspräche der Käufer dem Hauptanliegen von Wilhelm Schlötterer, der «Franz Josef Strauß und seine Nachfolger» geschrieben hat.

Dass er noch in dieser Woche in Augsburg und in Wolfratshausen (dem Wohnort von Edmund Stoiber) auftreten wird, gibt er bei dem von der Buchhandlung Kutter organisierten Leseabend in der Stadtbücherei ebenso vieldeutig lächelnd bekannt, wie das viele Kleingedruckte, mit dem er seine Kapitellesungen ergänzt. Zum Lesen kommt er ohnehin nicht allzu häufig, weil er so viel zu erzählen hat. Es gehe ihm ausschließlich um Fakten, Fakten, Fakten - nicht um eine Wertung, diese überlasse er seinen Lesern, erläutert der erfolgreiche Autor. Optimistisch hofft Schlötterer, dass sein Buch, das seit Juni immerhin schon 45000 Mal verkauft wurde, «etwas bewirkt». Auf den Punkt gebracht meint er damit die korrekte Einhaltung bestehender Gesetze, auch durch «hohe und höchste Personen».

Verschobene Milliarden

Dass dies in Bayern nicht immer so geschah, zeigen seine Fallschilderungen. Seine «Aufzeichnungen eines Ministerialbeamten» machen Interna öffentlich, die bislang teilweise unbekannt waren. Da ist von Waffen- und Drogenhändlern im Umfeld des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten die Rede, von sechs bis acht Urlaubsaufenthalten seines Nachfolgers in der Luxusvilla eines zwielichtigen Freundes und immer wieder von verschobenen Milliarden, von verschleppten und verhinderten Prozessen. Dass bei solcher Aufklärungsarbeit Decknamen Verwendung finden mussten, sei doch wohl verständlich, gibt der Autor zu bedenken. Wer immer noch Beweise vermisse, solle den von niemandem geforderten Widerruf seiner «Fakten» bedenken. Als großen Erfolg betrachtet er die Tatsache, dass ihm noch keine Klage ins Haus flatterte und das Buch ungekürzt verkauft werden darf.

Rechtliche Schritte blieben aus

Schwerwiegende Anschuldigungen mischt Schlötterer darin mit humorvollen Einschüben. Er weiß auch schon über jüngste, wörtliche Aussagen hochrangiger Leser zu berichten, die ihn hinter vorgehaltener Hand erreichten. «Totschweigen» wolle die bayerische Mehrheitspartei das Werk. Die von der Strauß-Familie angekündigten rechtlichen Schritte seien auch noch nicht über seine Schwelle gekommen. Versteht sich, dass in der umfangreichen Fragestunde, die sich der Autorenlesung anschließt, das Europa-Mandat der Strauß-Tochter zur Sprache kommt und deren dreistelliges Millionenerbe, «das der Vater ihr und den Brüdern doch nicht aus seinem Ministergehalt hinterlassen konnte», wie Schlötterer vermutet. Er selbst habe sich jede Beförderung erkämpfen müssen, nur weil er stets korrekt handelte, und sei deshalb auch einmal auf der Anklagebank gelandet.

Die oft gestellte Frage, warum er sich «das antue», beantwortet der einst hochrangige Ministerialbeamte selbstbewusst: «Ich will denen helfen, die Widerstand leisten. Nicht jeder hat Kraft und die Einsicht, um wirksam zu werden». Viel positives Echo, auch an diesem Abend in Memmingen, ist ihm sicher. Aufs Leseabend-Honorar verzichtet Wilhelm Schlötterer großzügig.

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