Memminger Gespräche
Expertenrunde diskutiert politische Aktualität Schillers - Bezüge zu ägyptischer Revolution

Er war längst nicht nur Feinkostlieferant für den schöngeistigen Appetit. Das haben die 9. Memminger Gespräche zum Thema «Schiller heute - seine politische Bedeutung» über den Dichter deutlich gemacht. Die im Landestheater Schwaben (LTS) versammelte Expertenrunde skizzierte Friedrich Schiller unter anderem als Vordenker der repräsentativen Demokratie, menschlicher Grundrechte und eines Staatenbundes in Europa.

«Geben Sie Gedankenfreiheit»: Mit diesem Zitat aus «Don Carlos» sei nicht nur Religions-, sondern auch Gewissens- und Meinungsfreiheit angesprochen, so Dr. Yvonne Nilges aus Heidelberg: Ein moderner Verfassungsstaat sei ohne diese Prinzipien undenkbar. «Schillers eigentliches Staats- und Verfassungsideal war die repräsentative Demokratie - damit war er seiner Zeit weit voraus.» Gleiches gelte für die These in seiner Geschichtsschreibung über den 30-jährigen Krieg, dass die Staaten Europas zusammenwachsen müssten.

Laut Dr. Maha El Hissy aus München ließen sich sogar in den Forderungen der ägyptischen Revolution nach politischem und sozialem Umbruch Gedanken Schillers wiederentdecken. Eine heftige Debatte entstand El Hissy zufolge darüber, ob man sich mit Reformen zufrieden geben oder den völligen Umbruch anstreben solle.

«Menschen wollten sich nicht mit halber Freiheit zufrieden geben»

Dabei habe sich die Mehrheit gegen einen - wie von Schiller vertretenen - Ansatz gewandt, der Veränderungen innerhalb existierender Strukturen erreichen will. «Die Menschen wollten sich nicht mit halber Freiheit zufrieden geben.» Allerdings müsse man den unterschiedlichen Kontext beachten: «In Ägypten wollte man nicht die Gesellschaft stürzen, sondern das Regime.»

Die Hoffnung darauf, dass es Wege gibt, die Welt zu verändern, will auch Regisseurin und Autorin Astrid Kohlmeier mit ihrem Schiller-Projekt «Die Ordnung der Gesellschaft nicht stürzen» am LTS vermitteln. Basis war die philosophische Schrift «Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen» (wir berichteten).

Kohlmeier sprach über die Herausforderung, die komplexe Sprache und Begriffswelt zu übersetzen und dem Publikum Schillers Gedanken zugänglich zu machen.

Auf Strategien, Schiller zeitgemäß zu inszenieren, ging auch Professor Dr. Andreas Englhart aus München ein. So neige die ältere Generation der Regisseure dazu, mit einem Aufbruch der Form Überlegungen anzustoßen, während jüngere vermehrt auf die traditionelle Inhaltsvermittlung setzten.

Eine nach wie vor aktuelle Darstellung davon, wie Machtauseinandersetzungen ablaufen, entdeckte Dr. Herbert Arlt aus Wien beispielsweise in «Maria Stuart» (das Stück ist ab dem 29. April im Stadttheater zu sehen).

Die Ausübung von Gewalt sei bei Schiller stets etwas Negatives, betonte Arlt, der auch über die Wirkungsmöglichkeiten von Kunst sprach. Ein Zitat von Schiller selbst formulierte die Bedeutung gesellschaftlicher und politischer Aspekte für die Kunst: «Schönheit ist das, was aus Freiheit entsteht.»

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