Marktoberdorf / Ostallgäu
«EU stellt Bauern an den Pranger»

Jeder kann jetzt im Internet nachlesen, welcher Landwirt wie viel EU-Agrarsubventionen bekommt. Jetzt wissen wir, dass einzelnen Kleinbauern im Ostallgäu vergangenes Jahr nur 300, etlichen anderen Landwirten aber mehrere tausend Euro aus Brüssel zugesprochen wurden. Roman Käß aus Sulzschneid etwa kann sich über mehr als 100000 Euro freuen, Josef Nadler aus Dösingen, Kreisobmann im Bayerischen Bauernverband (BBV), erhielt rund 25000 Euro.

Bei den Geldern handelt es sich laut Nadler um Ausgleichszahlungen, die den Bauern zustünden, nicht um Subventionen: «Dabei geht es darum, die Landschaft zu pflegen und Lebensmittel zu vernünftigen Preisen zu verkaufen», sagt der BBV-Kreisobmann. Ihm zufolge zahle jeder Bauer bei Milch und Getreide drauf, eine Acker- und eine Milchprämie seien demzufolge nur recht und billig. 63 Hektar (30 Acker, 33 Hektar Land) bewirtschafte er auf seinem Hof, «von dem zwei Familien leben», gibt Nadler bereitwillig Auskunft. Gerecht findet er die Offenlegung dennoch nicht: «Es ist nicht richtig, dass nur ein Berufsstand einseitig seine Zahlen veröffentlichen muss.» Eine Neiddebatte vermutet er aber nicht.

Hänselei beim Frühschoppen

Das sieht Engelbert Vogler aus Stötten, Kreisvorsitzender im Bund deutscher Milchviehhalter (BDM), anders. Für die Dorfgemeinschaft sei die Offenlegung nicht hilfreich: «Beim Frühschoppen oder im Verein ist eine Hänselei nach dem Motto: Du sei still, du kriegst so und so viele Euro, naheliegend.» Der Bauer wisse zwar, dass er mit dem Geld «ganz viele Rechnungen begleichen muss, weil die Milch nichts mehr wert ist», so Vogler. Der «Stammtischbruder» wisse das aber nicht.

Wie Nadler sieht Engelbert Vogler Landwirte von der EU «einseitig an den Pranger gestellt» und vermutet sogar «System» dahinter. Vogler kritisiert aber nicht nur die Veröffentlichung, sondern auch die Verteilung der Gelder: «Die Subventionen sollten nicht nach Fläche, sondern nach Arbeitsbedarf gehen.»

Sein arbeitsintensiver 32 Hektar-Milchviehhof, der mit 14000 Euro gefördert wird, binde mindestens zwei Arbeitskräfte und damit nicht weniger als manch spezialisierter Ackerbau-Großbetrieb. «Ein Arbeitsplatz bei mir wird also nur mit 7000 Euro gefördert, ein Arbeitsplatz bei vielen Großbetrieben aber mit 60000 Euro», sagt Vogler.

Gut findet er aber, dass die Liste auch Molkereien, Schlachtereien und Käsehändler aufführt: Aufgelistet sind alle Unternehmen und Organisationen, die in irgendeiner Weise vom EU-Agrarfonds profitieren. So hat etwa Nestlé Deutschland 2008 261000 Euro bekommen, der Landschaftspflegeverband Ostallgäu 38000 Euro und Saliter (Obergünzburg) rund 21000 Euro.

Wie die Funktionäre von BBV und BDM betont Roman Käß aus Sulzschneid, dass die Subventionen keine Betriebsgewinne seien, die übrig blieben, sondern auf Vorleistungen basierten: «Einen Teil unserer Prämien bekommen wir zum Beispiel für das Mähen von elf Hektar Streuwiesen. Dies geschieht im Auftrag der Naturschutzbehörde. Ebenso haben wir im Zug unserer Hoferweiterung die letzten Jahre 52000 Euro nur zum Erwerb von Prämienrechten ausgegeben.» So etwas sei auf der Subventionen-Liste aber nicht nachzulesen und damit nachzuvollziehen. «Um Objektivität zu schaffen, müsste es aber erwähnt sein», so Käß.

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