Buchloe
«Es sah aus wie auf einer Müllhalde»

Eigentlich sollte Samoa der erholsame Teil der Weltreise der Brüder Benjamin und Stefan Leinsle (beide 23), Julian Frieling (26) und Daniel Schuster (23) werden. Und nach den Stationen London, Hongkong und Neuseeland schien der südpazifische Inselstaat dafür auch wie geschaffen: weißer Strand, kristallklares Wasser und Palmenhaine, die bis ans Meerufer reichen. «Wie man sich das Paradies eben vorstellt», meint der Buchloer Stadtrat Benjamin Leinsle. Heute ist von der idyllischen Strandanlage in Lalomanu, in der die vier Studenten «sechs herrliche Tage» verbrachten, nicht mehr übrig als ein paar Bretter, Schutt und unzählige Betonbrocken; das Werk des Tsunamis, der am 29. September 2009 über den Südteil des Inselstaates fegte, das paradiesische Idyll entstellte und über 150 Menschen mit in den Tod riss.

Dass die vier an diesem Tag nicht mehr in der kleinen Ortschaft an der südöstlichen Spitze Samoas verweilten, sondern rund 50 Kilometer nordwestlich in der Hauptstadt Apia, haben sie einem Zufall zu verdanken (wir berichteten): Einen Tag vor der Naturkatastrophe hatten sie das Angebot einer befreundeten deutschen Gruppe angenommen und diese auf eine Inseltour begleitet. «Wären wir dort geblieben, wäre heute statistisch gesehen mindestens einer von uns tot», sagt Julian Frieling - so, wie die 13 Mitglieder der Familie, die das «Lalumanu Beach Pales» betrieben.

In Apia riss die Buchloer das heftige Erdbeben, das dem Tsunami vorausgegangen war, aus dem Schlaf. Nach Stunden voll Ungewissheit, Chaos und Panik wurden die Menschen in der Hauptstadt auf einem nahen Berg in Sicherheit gebracht. Die tödliche Welle blieb am Ende zwar gänzlich aus, das Insel-Paradies war jedoch je aus seiner Beschaulichkeit gerissen.

Als das Rote Kreuz wenig später Helfer suchte, meldeten sich die Freunde freiwillig. Frieling: «Wir hatten einfach ein Bedürfnis, zu helfen. Und nachdem das Leben auf der Insel quasi stillstand, war es auch schön, etwas tun zu können». Benjamin Leinsle blieb in der Hauptstadt, belud Lastwagen mit Hilfsmitteln, sein Bruder Stefan und der Rest der Gruppe machten sich auf den Weg ins Katastrophengebiet. Für das, was sie dort erwartete, fällt Schuster heute nur noch ein Wort ein: surreal.

«Alles war weg, es sah aus wie auf einer Müllhalde. Es war das absolute Chaos», beschreibt Frieling. Mitten darin verluden die drei Buchloer Hilfsmittel, sortierten Kleidung und verteilten Lebensmittel an die Bevölkerung. Dabei fuhren immer wieder Fahrzeuge, beladen mit in Plastiksäcken gehüllten Leichen, an ihnen vorüber, berichtet Stefan Leinsle: «Am Anfang war es ein sehr beklemmendes Gefühl. Wenn das jedoch mehrmals stündlich geschieht, wird es leider zur Routine.»

Als nach einem Tag genügend professionelle Helfer eingetroffen waren, beendete die Gruppe ihre Hilfstätigkeit und setzte ihre Reise fort. Erst Tage später habe es wieder andere Gesprächsthemen wie das Erlebte gegeben, verrät Schuster. Er ist sich sicher: «Die Bilder aus Lalomanu werden wir in unserem Leben nicht mehr vergessen.»

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