Kempten
Erinnerungen in Reimform und Krakel-Schrift

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Was muss das für eine Mühe gewesen sein: Mit feinen Strichen ist die kleine Gänseliesel gezeichnet, die mit dem Stock das Federvieh zusammentreibt. Rechts davon einige schnurgerade Zeilen in Tinte. «Ab und zu sehe ich mir dieses Album an - eine wirklich schöne Erinnerung an meine Grundschulzeit», sagt Ilse Roßmanith-Mitterer. Annabell aus der Vierten nickt wissend. Denn auch sie und eigentlich alle ihre Klassenkameraden haben Poesiealben - pardon: Freundschaftsbücher. Heute, am letzten Schultag, sehen sich viele der Kinder zum letzten Mal, bevor es dann im September auf unterschiedlichen Schulen für sie weitergeht. Zum Ferienbeginn haben die Schüler und ihre scheidende Rektorin deshalb ihre Büchlein für die AZ geöffnet.

Klassiker wie «Ich hab mich hinten angewurzelt, dass niemand aus dem Album purzelt», sucht man in den modernen Büchlein vergeblich. Stattdessen werden Fragen nach dem Sternzeichen und der Lieblingsfarbe beantwortet, ans Ende jeder Eintragung gehört ein Foto. «Solche Bücher hat bei uns keiner mehr», sagt die Viertklässlerin und zeigt auf das Album von Ilse Roßmanith-Mitterer mit den weißen, unlinierten Seiten: «Ich weiß gar nicht, ob es sowas überhaupt noch zu kaufen gibt.» Eines jedoch ist über die Jahrzehnte gleich geblieben: «Man sollte auf keinen Fall schmieren», hat die Zehnjährige die wichtigste Regel fürs Poesiealbum-Schreiben sofort parat.

Da nickt Leon, der als Erstklässler selbstverständlich auch ein Büchlein sein Eigen nennt. Eins mit Autos, versteht sich und nicht mit Pferdebildern oder in Rosa wie Annabell. «Meine Mama hat mir sogar einen Autoaufkleber rein gemacht», sagt er stolz. Beim Blättern in den dunkelblau-gestalteten Seiten erfährt man außerdem, dass Laura Langschläferin ist und Jonas eine Schwäche für Lamborghinis hat. Andere finden «Erger» total «uncool» und sind - die Krakel-Schrift verrät es - für «Friden» auf der Welt. Außerdem können die Kinder ihre Handynummern eintragen und einen Surftipp fürs Internet abgeben.

«Die vorgefertigten Alben machen es einem als Lehrer manchmal nicht ganz einfach», sagt Roßmanith-Mitterer und schmunzelt. Was soll man schon schreiben auf die Frage, was man später einmal werden will? Wie oft sie sich in den Büchlein ihrer Schüler verewigt hat, kann Roßmanith-Mitterer nicht mehr sagen. Jedenfalls hat sie sich über die Jahre eine ganze Sammlung an Sinnsprüchen, Kärtlein und Bildern zum Einkleben zugelegt. Und dann verrät sie noch einen ihrer liebsten Sprüche fürs Poesiealbum: «Wer seinen Nächsten verurteilt, der kann immer irren. Wer ihm verzeiht, der irrt nie.»

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