Er kommt zu jeder Tages- und Nachtzeit

von eva-maria frieder | Oberkammlach Wie an jedem Werktagnachmittag ist Dr. Ulrich Klus, 51, auch heute wieder unterwegs zwischen Stetten und Erisried, Oberrieden und Mussenhausen, Ober- und Unterkammlach. Er macht Hausbesuche bei Patienten, die zu krank sind, um den Weg in die Praxis nach Oberkammlach aus eigener Kraft zu bewältigen.

Zuvor hat Klus seine Vormittagssprechstunde absolviert. Hat einer 76-Jährigen geduldig ihre Fragen beantwortet, einem jungen Mann die Fäden gezogen, einer erkälteten Bäuerin die Brust abgehört. 'Herr Dokter, mir tut jeder Muskel weh', sagt sie. 'Machen’s mi schnell wieder g’sund, i muass doch in Stall.'

Rund zehn Hausbesuche stehen heute auf der Liste, vorwiegend bei alten Menschen. Die meisten kennt und behandelt er seit fast 20 Jahren, seit er 1989 seine Praxis eröffnet hat. Drei bettlägerige Krebspatienten sind darunter, ein Ehepaar, hoch in den Achtzigern, zwei Fälle mit Arthrose, ein Parkinson-Patient

Überall wird der Doktor herzlich empfangen. Er setzt sich hin, hört zu, untersucht, nimmt Blut ab, wechselt Verbände, stellt Rezepte aus, hilft beim Papierkram und verabredet den nächsten Besuch. Sein Ton ist freundlich, er geht auf Sorgen und Fragen ein, unsentimental, aber mit spürbarem Mitgefühl. Patienten ebenso wie Angehörige sind sichtlich dankbar für sein Kommen.

Karin Specht, neben sich die 91-jährige Mutter, sagt: 'Gell, Herr Doktor, Sie gehen noch nicht so bald in den Ruhestand?' Klus verneint lächelnd, sie darauf: 'Da sind wir aber froh. Der Hausarzt, das ist ein Stück Lebensqualität. Ohne ihn müssten wir wegen jedem Bisschen nach Mindelheim fahren. Und er hat auch Gehör für private Sorgen.' Die alte Frau hat derweil die Hände des Arztes in ihre genommen. 'Herr Doktor, ich muss Sie wärmen, Sie haben so kalte Hände', sagt sie.

76 Jahre alt ist Lieselotte Klitscher. Sie lebt allein mit ihren Pferden im Weiler Wideregg. Vor zwei Jahren wurde sie am Herzen operiert. 'Dr. Klus gibt mir Sicherheit', erklärt sie. 'Er kommt sofort, wenn irgendwas ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit.'

Für Klus ist Landarzt der schönste Beruf, den es gibt, und die Allgemeinmedizin 'die Krone der Medizin'. Wenn er auf die gegenwärtige Krise der Hausärzte zu sprechen kommt, wird besonders spürbar, wie sehr ihm dieses Thema ein Herzensanliegen ist: 'Von uns Hausärzten in Bayern sind jetzt schon mehr als die Hälfte über 50, wir sind überaltert. Es ist schade, dass so ein schöner Beruf von der Politik so unattraktiv gemacht wird, dass kein junger Kollege mehr Lust dazu hat.'

Ulrich Klus hat mit einer Million Mark Schulden in Kammlach angefangen. Soviel kostete es damals, die Praxis samt Haus zu übernehmen. Er hat drei Kinder, zwei studieren, eines geht noch zur Schule. Die Ehefrau macht die Abrechnung und die Buchhaltung, eine Helferin, ein Lehrling und eine 400-Euro-Kraft unterstützen ihn in der Praxis. Der Arzt hat rund 1200 Scheine im Quartal.

'Die Politiker wissen gar nicht, was sie den Patienten antun'

Er arbeitet 50 bis 60 Stunden pro Woche, dazu kommen pro Quartal zwei Notdienste, die von Freitagabend bis Sonntagmorgen dauern. Was er unterm Strich verdient, stehe zur Arbeitslast und zur Verantwortung, die er trägt, in keinem Verhältnis, sagt er. Aber er liebt seinen Beruf. Die Vorstellung, die Hausärzte könnten in absehbarer Zeit ganz aussterben und durch Versorgungszentren ersetzt werden, tut ihm weh. Die Frau des letzten, schwer kranken Patienten an diesem Nachmittag hebt genau darauf ab, wenn sie sagt: 'Den Hausarzt abschaffen, weil man ihn nicht mehr braucht? Das wäre ein Unding. Die Politiker wissen gar nicht, was sie den Patienten damit antun.'

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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